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angebrochen, die in Böhmen Kunstwerke ersten Ranges, zwar nicht absolut rein, aber
großartig nnd durch Eigenart anziehend, hervorgebracht hatte. Neben der Zersetzung des
Stilgedankens war schon in den Tagen Wladislaws II. hier und da ein Vordringen
neuer Ideen in Constrnetion und Decoration ersichtlich, das nach seinem Hinscheiden
unter geänderten Verhältnissen sich zu einem geschlossenen System verdichtete. Aber
auch neben demselben behauptete sich vereinzelt die ganz verflachte, immer verständniß-
losere Gothik in der folgenden Zeit, wie z. B. die 1603 begonnene Rochuskirche im
Strahover Klosterhof oder die Maßwerkbilduugen der von 1628 bis 1632 aufgeführten
Jefnitenkirche in Neuhaus beweisen. Ja, sie blieb sogar in den ersten Decennien des
XVIII. Jahrhunderts bei der Wiederherstellung der Sedlecer Stiftskirche und beim
Umbau der Kladraner Klosterkirche maßgebend, obzwar sich gerade hier aufs deutlichste
erkennen läßt, daß den Architekten dieser Zeit der Canon der Gothik sast ein Buch mit
sieben Siegeln geworden war und ein überladen phantastischer decorativer Aufputz
Hauptsache wurde.
Die im XIX. Jahrhundert in den Vordergrund tretende Wiederbelebung der Gothik
zeitigte auch iu Böhmen sehr beachtenswerthe Früchte, da Kirchen und Profanban sich ihr
neuerlich zukehrten. Als edelste derselben ist wohl der Ansban des Veitsdomes in Prag
uuter der Leitnng des 1872 verstorbenen Architekten Kranner und des jetzigen Dombau-
meisters Josef Mocker zu nennen, welch letzterer seinen bestbewährten fachmännischen
Rath fast bei allen Restanrirnngen gothischer Denkmale Böhmens zweckentsprechend
bethätigt.
Hervorragende Leistungen gothischer Kirchenbaukunst sind die Gruftkapelle der
gräflichen Familie Thun bei Tetschen und der Monumentalbau der Schwarzeuberg'schen
Gruft bei Wittingau, beide uach den Plänen des genialen Wiener Dombaumeisters Schmidt
ausgeführt, während unter den sonstigen gothischen Neubauten nur wenige wirklich
knnstlerische Bedeutung haben. Auf das Gebiet des Profanbaues drang die Gothik besonders
bei der Aufführung und Wiederinstandsetzung stolzer Adelssitze ein, unter welchen Schloß
Franenberg in Südböhmen, nach dem Vorbild des englischen Königschlosses Windsor
erbaut, den ersten Rang einnimmt und die Schlösser Sichrov und Blatna hohe Beachtung
verdienen. Die herrliche Anlage der Burg Karlstein ersteht unter der von Friedrich Schmidt
eingeleiteten und von Josef Mocker weitergeführten Restauration in neuer Schönheit des
alten Stils. Und so belebt sich gerade an den großartigsten Schöpfungen der Gothik,
beim Ausbau des Prager Doms und bei Wiederherstellung der Burg Karlstein, der
ehrwürdigen Karlsbrücke und der Knttenberger Barbarakirche im XIX. Jahrhundert der
Stilgedanke, dessen baukünstlerischer Verkörperung Böhmen seine imposantesten Architektnr-
denkmale zu danken hat.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (2), Band 15
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (2)
- Band
- 15
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1896
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 16.07 x 22.35 cm
- Seiten
- 708
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch