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eine andere Neuerung, die der befestigten Kirchen. Etwas Ähnliches bestand zwar
schon in den Nmwallnngen, welche eine Kirche einschlössen, aber der neue Name, welcher
den befestigten Kirchen beigelegt wurde (Kostelec), weist auf westlichen vder wenigstens
kirchlichen Einfluß hin. Bezeichnend nämlich ist der Umstand, daß die slavische Benennung
einer Kirche (koste!) ihren Ursprung dem lateinischen eastellum verdankt, also ursprünglich
wohl nur einer solchen Kirche beigelegt wurde, welche der Kern einer kleinen Befestigung
war. Das Beispiel einer derartigen noch erhaltenen Befestigung liefert die von Tabor
gegen Norden gelegene Ortschaft Kostelec, dermal nur aus Meierhof und Kirche bestehend.
Auf einem nach allen Seiten abfallenden Hügel steht die zwei Bauperioden entstammende
Kirche, dereu gothisch gebautes Schiff als neuerer Zubau (1350) erscheint, während der
massive hohe Thurm mit der angebauten Rundkapelle im romanischen Stil aufgeführt ist.
Der den Wartthurm oder Berchfried ersetzende Kirchenthurm war bestimmt, die Befestigung,
welche aus starken, in ein Viereck angelegten Mauern besteht, zu beherrschen; die an den
Ecken dieses Vierecks angebauten Ansätze beweisen auch, daß diese Mauer, welche dermal
den Friedhof einschließt, deshalb so aufgeführt wurde, um einen Mordgang zu tragen.
Ortschaften des Namens Kostelec gibt es mehrere in Böhmen und bei einigen kann mau
über ihre ehemalige Befestigung aus dem Terrain Schlüsse ziehen. So z. B. erscheint
die Friedhofskirche bei Elbekostelec als dasjenige Object, von dem der jetzige Name der
Stadt herrührt, während Adlerkostelec mehr Gemeinschaft mit den älteren Wallbnrgen
aufweist. Die hohe isolirte Lage vieler Kirchen wird durch unsere Erörterungen erklärlich.
Interessant als Befestigungspunkt ist die alte Kirche in Koci bei Chrndim, welche nur
mittelst einer Holzbrücke zugänglich ist. Bischof Thobias von Prag (gestorben 1296)
ließ fast alle Kirchen auf seinen Herrschaften befestigen, nnd dieser Umstand beweist auch,
daß man die befestigten Kirchen als Volksburgen, das ist solche Stätten, wo das bedrängte
Volk Zuflucht fiudeu konute, auffassen soll. In einem (1281) zwischen den Klöstern Zderaz
uud Plaß geschlossenen Vertrage wird ausdrücklich hervorgehoben, daß die Unterthanen
beider Stifte sich in die unteren Lokalitäten der Potvorover Kirche flüchten können,
während der Obertheil (die Mordgäuge) mit dem Thurm dem Plasser Abt uud seinen
Unterthanen allein überlassen bleiben sollte.
Der Drang nach Sicherung der Person und des Eigenthums beherrschte nicht nur die
Landesherren als die obersten Hüter der Sicherheit und das Volk, um dessen Haut es sich
gewöhnlich handelte, sonder» anch die Edlen des Landes, den höheren Adel. Während der
niedere Adel (Vlad')ken, Ritter) in den Dörfern ansässig war, wohnte der Herr entweder auf
der königlichen Burg als Burggraf oder befaß einen befestigten Wohnsitz auf feinerHerrfchaft,
die er als erblicher Amtmann verwaltete. Hierher gehört die am Berge Nazi (Hradec bei
Krnman) befindliche Umwallnng mäßigen Umfangs, welche von einem ringförmigen,
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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (2), Band 15
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (2)
- Band
- 15
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1896
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 16.07 x 22.35 cm
- Seiten
- 708
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch