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Das Leben in diesen Bnrgen war ein von den landläufigen Romanen
entnommenen Vorstellungen wesentlich verschiedenes. Die Existenz in ihnen wäre für unser
an Comsort gewöhntes Geschlecht unerträglich. Ohne genügendes Tageslicht, ohne ordentliche
Beleuchtung, ohne öftere Ansprache seitens der Nachbarn war man nur auf sich augewiesen,
das Familienleben also um so intimer. Die unangenehmen Seiten des Winters machten
sich insofern geltend, als man bei dem Kamin vor Hitze nicht bestehen konnte und bei dem
kleinen, mit Häuten bedeckten Fenster auf dem Estrich stehend fror. Trotz der eisernen
Natur der Männer und Frauen, trotz des vielen Pelzwerks, in das man sich hüllte, scheint
die Sterblichkeit unter dem Adel, welche durch die häufigen Kriege befördert wurde, ziemlich
groß gewesen zu seiu. Rechnet man hinzu die gewaltigen Anstrengungen im Kriege, besonders
die drückende, durch die schweren Rüstungen vermehrte Hitze, so blieben als alleinige
Annehmlichkeiten die Familienfreuden, die ja ein Jxder besitzen konnte, die Freuden der
Jagd und die allerdings theuer erkaufte höhere gesellschaftliche Stellung.
Interessant sind die aus dem Ende des XIII. nnd Anfang des XIV. Jahrhunderts
stammenden combiuirteu Burg- und Städte-Anlagen, ein gut gemeinter Versuch, einen
zahlreich besetzten Vertheidigungspunkt und eine finanzielle Quelle zu erhalten und zugleich den
Einwohnern Sicherheit des Eigenthums unter dem Schutze der beherrschenden Burgmauern
zu verschaffen. Die erste Stelle unter ihnen verdient Pribenitz bei Tabor, einst die stärkste
Festung Südböhmeus, nun eine wildromantische Gegend, in der die schon geringen Reste
der im Jahre 1437 zerstörten Bauten von üppigem Grün überwuchert siud. Auf beide»
Ufern der Lnznitz thronten auf steilen nnd theilweise überhängenden Felsen mächtige Burgen
mit weitläufigen Meiereien, während die zwischen ihnen liegende, durch eine starke Krümmung
des Flusses gebildete Halbinsel Standpunkt des in Böhmen, Mähren nnd Schlesien Ring
benannten Stadtplatzes wurde uud mit Mauern umschlossen war. Auch die bei den Rosen-
berg'schen Gründungen gewöhnliche, Latran benannte Gasse fehlte nicht und erstreckte
sich an dem schmalen User zwischen dem Flusse und dem östlichen Burgberge. Bei
Klingenberg findet mau Burg, Meierhof und Burgflecken, obwohl schon zerfallen, dennoch
mit Ringmauern verbunden. Die bei der Bahnstation Cercan liegende Ruine Dnba besteht
aus schwachen Resten, bedeutender ist das Mauerwerk des ehemaligen, „angemauerten"
Burgfleckens Odranec, welcher den weitläufigen üppigen Rasenplatz am Ufer der Sazava
unmittelbar unter der Burg eiuuahm, besonders der gewaltige viereckige Thorthurm. Das
jetzige Städtchen Rataj an der Sazava (sonst kiataje Kraben« — ummauertes Rataj),
auf einer steil sich erhebenden Erdznnge gelegen, war umfriedet und seine Endpunkte
beherrschten zwei Burgen, von denen die am steilen Ende der Erdzunge stehende, sonst
Pirkstein benannte (nun Pfarrhaus und Glockenthurm) erhalten ist, während die Stelle der
zweiteil das jetzige am Plateau gelegene fürstlich Liechtenstein'sche Schloß einnimmt.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (2), Band 15
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (2)
- Band
- 15
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1896
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 16.07 x 22.35 cm
- Seiten
- 708
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch