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und sie bieten mehr oder weniger Beispiele für alle Bestattungsarten. In den meisten
waren Frauen und Kinder beerdigt; Männergräber sind selten, noch seltener solche, in denen
sich neben dem Todten auch sein Pferd vorfand. Daher sind diese Gräber nicht reich an
Waffen, hingegen um so ergiebiger an Schmncksachen, wenn diese auch nicht viel Ab-
wechslung bieten. Sie bestehen aus einigen Ringen, Armreifen, Speichenrädern und
Scheiben, zahlreichen Ohrringen und Haarnadeln und dreizehn Hafteln, welche römischen
Ursprungs sind. Die Männer trugen reichverzierte lederne Gürtel. Alle jene Gegenstände
sind aus Silber, aus vergoldeter oder versilberter Bronze, auch mit Silber eingelegtem
Eisen verfertigt. Von Goldschmuck finden sich nur wenige Bruchstücke. Das Ohrgehänge
ist ein ungewöhnlich großer Reif, an dem ein birnen- oder kegelförmiges Filigrankörbchen
mit Draht an zwei oder drei Stellen festgebunden ist. Eine andere nicht minder
eigenthümliche Art von Ohrgehänge besteht aus einem Reif, der mit zwei angelötheten
Knöpfen geschmückt ist, und zwar so, daß der eine Knopf sich am äußeren, der andere am
inneren Rande des Reifes befindet. Die Haarnadeln sind lang, ihre Öse ist vierfach
gespalten, zuweilen sind sie durch Ringe gegliedert, an denen sich als Zierath kleine
Knöpfe befinden. Nicht minder charakteristisch sind die aus Silberblech gepreßten oder
aus Bronze gegossenen, durchbrochen gearbeiteten Zierathen an den Ledergürteln der
Männer; sie stellen Greife und andere Thiere oder Pflanzenformen vor. Zur Verzierung
des Gürtels gehören noch herabhängende, in einer ebenso gearbeiteten Silberscheide
endigende Riemen, ferner die Hafteln und Schnallen. Die Theile des Pferdegeschirres
sind das Gebiß, die Schnalle und der kreisförmige Steigbügel, sämmtlich aus Eisen. Die
Thongefäße sind primitiv.
Der Keßthelyer Fund befindet sich zum größten Theil im Ungarischen National-
museum, das Übrige im Museum zu Steinamanger. Für die bei Nemesvölgy im
Wieselburger Comitat geöffneten Hunnengräber sind besonders die mit ausgelötheteu
Knöpfen verzierten Ohrringe charakteristisch. Ebenda wurde auch ein Schwert mit
gekrümmter Spitze ausgegraben. Ferner sind im Ungarischen Nationalmuseum die an
Zahl geringeren, jedoch gleichfalls interessanten Gegenstände aus den Hunnengräbern bei
Püspök-Szent-Erzsebet im Baranyaer Comitat zu beachten. Die hunnische Begräbniß-
stätte zu Gerjen im Tolnaer Comitat ist arm; es wurden da nur rohe Thongefäße
gefunden.
Denkmäler, von denen mit Sicherheit zu behaupten wäre, daß sie direct von den
germanischen Völkern herstammen, sind im Gebiet jenseits der Donau bisher nicht
gefunden. Als solche wären vielleicht ein paar prächtige Fibeln zu betrachten, die zu
Györkönyös im Tolnaer Comitat gefunden wurden und sich jetzt im Ungarischen National-
museum befinden. Sie haben die Form einer Grille und sind aus Silber, das mit einer
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Band 16
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (4)
- Band
- 16
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1896
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.18 x 21.71 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch