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Die Kathedrale, die außer ihrer architektonischen Eigenartigkeit auch noch durch so
unvergleichliche plastische Werke das höchste Interesse erregt, stand nicht lange unangefochten
in ihrer ehrwürdigen Schlichtheit da. Ihre vielbewegte Geschichte ist uns vom XIV. Jahr-
hundert augefangen genau bekannt. Im Jahre 1335 erhielt sie ein gothisches Gewölbe
und spitzbogige Lichtgadeu; gegen Ende des folgenden Jahrhunderts wurde dieses Gewölbe
theils ausgebessert, theils erneuert, auch erhielt die Nordseite eine Reihe von Kapellen;
unter den Türken diente sie von 1543 bis 1687 als Moschee; dann wurde sie sorgfältig
restaurirt, aber schon im Jahre 1704 durch die Geschosse der Räköczy'scheu Schaareu in
Brand gesteckt und 1707 wieder ausgebessert. Um diese Zeit wurden die beiden Abstiege
zur Unterkirche vermauert, wobei die Reliefs bedeutende Schäden erlitten. Von 1805 bis
1820 folgte eine neue Restanrirnng nach den Plänen des Pester Architekten Michael
Pollak; im classicirenden Geschmacke dieser Zeit legte man der Hauptfa^ade eine Säulen-
reihe vor uud gab auch der südlichen Langseite, wo Kapellen und ein Thor errichtet wurden,
die Form einer Säulenfa^ade. Dergestalt von den Stürmen der Zeiten, sowie von Umge-
staltungen in allen seinen Gliedern mit Ausnahme der Unterkirche arg mitgenommen,
drohte dem Gebäude fünfzig Jahre später der Einsturz und an eine Wiederherstellung war
nicht mehr zu denken. Nun wurde die Kirche von 1882 bis 1892 auf den Vorschlag und
nach den Plänen des Wiener Dombaumeisters Friedrich Schmidt vollständig neu auf-
gebaut, oder vielmehr es wurde an ihrer Stelle, unter Beibehaltung der alten Anordnung,
eine neue Kirche in romanischem Stil aufgeführt, bei der sich die sogenannte materielle
Wiederherstellung in sehr engem Kreise bewegte. So war denn die alte Kirche nach einem
wechselvollen Bestände von 600 Jahren gänzlich verschwunden.
Auf dem Graner Burghügel, dieser Felskuppe, mit der ein Ausläufer des Vertes-
gebirges bis an das Donau-Ufer vortritt und weithin die Gegend beherrscht, stand schon,
als der Wojwode G5za sich dort seinen Fürstensitz gründete, eine Kirche, die dem St. Stefan
Protomartyr geweiht war. Am östlichen Rande des „Festungsberges", nahe bei dieser
Kirche, erbaute König Stefan der Heilige die zu Ehren Unserer Lieben Frau und des
heiligen Adalbert gestiftete Graner Kathedralkirche. Ohne Zweifel wird sie zu jener
Zeit, nach der Stnhlweißenbnrger Kirche, eine der hervorragendsten Schöpfungen der Ban-
kunst gewesen sein. Feuersbrünste jedoch und mehrmaliger Neubau ließen von ihr nichts
übrig, woraus nur einigermaßen auf ihre bauliche Eigenthümlichkeit geschlossen werden
könnte. Zwischen 1188 und 1198 brannte sie ab. Um das Jahr 1200 wurde sie durch
Erzbischos Hiob in bedeutend größerem Maßstabe neu aufgebaut, — ein Bau, der entweder
nicht zur Vollendung gelangte oder nicht fest genug war, denn Erzbischof Telegdi ließ von
1333 bis 1349 ein ganz neues und prächtiges Sanctuarium aus Quadersteinen hinzufügen,
während er die Kirche mit ganz neuem Dache uud die Fenster mit Glasmalerei versah.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Band 16
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (4)
- Band
- 16
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1896
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.18 x 21.71 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch