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Die ehemaligen Hörigen theilen sich in drei Classen. Die kleine ist die der Häusler ohne
Hausbesitz und der Häusler mit Pachtgrund. Diese leben gewöhnlich vom Taglohn,
entweder in ihrer eigenen Gemeinde oder auf den größeren Wirthschaften der Gegend;
zum Theil auch verdingen sie sich als Dienstboten. Die andere Classe ist die der Häusler
mit Hausbesitz; diese haben dank der in sämmtlichen Gemeinden des Comitats bereits
durchgeführten Besitzregelung und Cvmmassirung, 1 bis 3 Joch Acker als Weideantheil
erhalten und besitzen überdies Haus und Hof. Diese Häusler halten schon Pferd und
Wagen und Kühe. Sie übernehmen auch Geding- und Erntearbeit, sie gehen in Taglohn,
in die Arbeit und in Fuhrlohn; politische Rechte üben sie zwar ebenso wenig aus als die
Häusler ohne Hausbesitz, doch stimmen sie bereits bei der Verwaltung der Gemeinde mit.
Die dritte Classe enthält die gewesenen Hörigen, die eine Session besitzen, die Vollbauern
mit selbständigem Haus und Hof und überdies mindestens 8 bis 10 Joch Ackerland nebst
etlichen Joch Weide und Wiese — ein Besitz, der bei sorgfältiger Bewirthfchastuug selbst
eine Bauernfamilie von mehreren Mitgliedern bescheiden, aber anständig ernährt. In
dieser Classe der Vollbauern kommen Besitze über 40 bis 50 Joch selten vor, höchstens
im Mezöföld und in der Gegend von Papa; mehr als 100 bis 150 solche größere
bäuerliche Grundbesitzer gibt es im ganzen Comitate nicht. Der sogenannte wohlhabende
Bauer besitzt 30 bis 50 Joch, was einer ganzen alten Session gleichkommt.
Zur landwirthschastlichen Rohprodnction gehört größtentheils auch die häusliche
Holzindustrie der deutschen Bauern im Bakony, die sich stark mit der Verfertigung von
landwirthschastlichen Holzgeräthen, aber auch mit dem Brennen von Holzkohle und Kalk
beschäftigen. Besonders heimisch sind diese Betriebe in Zircz und Umgebung (nördlicher
Bakony) und in der Gegend von Väroslöd (mittlerer Bakony). Die meist aus Buchenholz
verfertigten landwirthschastlichen Geräthe sind Schaufeln, Gabeln, Schubkarren, Hanf-
brechen, Backschaufeln, Spaten- und Hackenstiele, Radkränze und Radspeichen; bei den
Rechen wird der Stiel aus Weißbuchen geschnitzt. Aus verschiedenen Holzarten werden
Sensenstiele und Dreschflegel (Stiel und Klöppel) verfertigt. Hohlgeschirr, wie Tröge und
Mulden, wird an vielen Orten jetzt nicht mehr gemacht; dieser Betrieb ist überhaupt im
Aufhören begriffen, da die zur Aushöhlung geeigneten weißen und weichen Holzarten,
wie Linde, Bachweide und Pappel, jetzt nicht mehr als Wälder gehegt werden. Stark zurück-
gegangen, ja zum Theil eingegangen ist auch die Csutora-Judustrie (hölzerne Feldflaschen),
die den Haushalt mit Feldflaschen, Mörsern und dergleichen Holzgeräth versah. An die
Stelle des letzteren sind nachgerade Thon-, Glas- und Metallartikel getreten. Die Holzkohle
wird zum Theil an Lrt und Stelle verbraucht, aber auch in großer Menge nach Budapest
geschafft; die landwirthschastlichen Geräthe gehen ins Alföld und noch weiter. Im Übrigen
erstreckt sich die Hausindustrie im ganzen Comitat kaum auf etwas Anderes, als auf das
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Band 16
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (4)
- Band
- 16
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1896
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.18 x 21.71 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch