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Auch die Festlichkeiten der Hochzeit werdeil bereits einfacher. Das Verlöbniß wird
durch die Eltern und die Verwandtschaft geschlossen, deren Wille entscheidet. Ohne auf
Schönheit und Sauberkeit zu achte», lediglich vom Standpunkte der Arbeitsamkeit aus,
wählen die Eltern für ihreu Sohn das Mädchen, für ihre Tochter deu Burscheu; auch
achten sie streng darauf, daß beider Vermögen sich die Wage halte. Die Sache des
Herzens mag erst nachher zur Geltung gelangen. Es ist ein Glücksfall, wenn die jungen
Herzen die Wahl der Eltern billigen, allein anch sonst muß sich das junge Paar in gemein-
samer Sorge und Plage wohl zusammenfinden. Nicht selten ist es übrigens das Mädchen,
das den Burschen in schicksamer Weise merken läßt, daß es dessen Weib werden möchte.
Die Werbung erfolgt nach vorläufigen Erkundigungen. Die in Aussicht genommeneu
Beistände begeben sich mit dem Burschen zu dem Mädchen und halten um dessen Haud
au. Die Werbung vorzubringen ist Sache des Brautwerbers (stariSikia). Im Bejahungs-
fälle werden die Zeitpunkte für Verlobnngs- und Hochzeitsfeier sofort bestimmt. Anch die
Verlobung erfolgt vor dem Geistlichen und sie läuft selten ohne Lustbarkeit ab, besonders
wenn man nicht im Pfarrdorfe selbst wohnt und nuterwegs au eiuer Esärda vorbei muß.
Die Hochzeitsgäste werden durch den po?vae (Gästerufer) eingeladen. Sein Hut oder seine
aus Pappendeckel gefertigte zuckerhutförmige Mütze wird mit farbigen Bändern nud künst-
lichen Blumen aufgeputzt; an Taille, Schultern und Brust besteckt man ihn über und
über mit kuuterbnuten Schnupftüchern; oft werden ihm die Stiefel mit Schellen behängt.
An seinen Hüften hängen zwei Feldflaschen, deren eine Wein, die andere Hirse enthält.
Wen er necken will, dem bietet er zuerst die Hirse und erst, wenn dieser Anfsitzer gelnugeu,
den Wein an, um auf die Gesundheit des jungen Paares zu trinke». Er führt ein hölzernes
Beil, dessen Schneide mit der Stachelhaut des Igels überzogen ist; mit dieser Scherzwaffe
treibt er unter dem Weibsvolk allerlei Possen uud schreckt die zudringliche Kinderschaar.
Bei den lutherische» Wenden tritt der Gästerufer in das Haus desseu, den er ladeil will,
und liest die üblichen Hochzeitsverse vor, worauf er bewirthet uud mit Geld beschenkt
wird. Mit deu Einladungen ist jedoch die Rolle des pv2vaö nicht zu Ende, deuu auch bei
der Hochzeit führt er das Commaudo.
Die Hochzeit wird, so weit es die Vermögensverhältnisse gestatten, mit großem
Prnnk begangen. Die Trannng findet Sonntags statt, damit die znr Messe versammelten
Gläubigen ihr beiwohnen können. Nach einem im Branthause genommenen Frühstück
begibt man sich in festlichem Gewände, nnd zwar stets zu Fuß nach dem Gotteshause.
Uuterwegs spielt die Mnsik, es wird hellans gejauchzt uud getauzt und dazwischen knallen
die Pistolen. Fast jeder Gast nimmt ans diesen Gang eine Flasche Wein (viria) mit. Den
Zng eröffnet der in seiner drollig bunten Tracht, ihm folgen einige Kranzel-
jungfern (posvuldiea) uud unter ihnen die Brant dauu der Bräutigam
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Band 16
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (4)
- Band
- 16
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1896
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.18 x 21.71 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch