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Das Tolnaer Comitat.
Dieses Comitat lehnt sich mit seiner Ostgrenze an die Donau, mit seiner westlichen
Ebene an Somogy und wenn wir sein Gebiet aus der Vogelschau überblicken, fällt uns
darin ein in engem Bette weit umherschweifendes und ein großes Stück Land durch-
gaukelndes Wassernetz auf. Für einen Fluß zu klein, für einen Bach zu groß, kommt der
Kapos, wie schon sein Name erkennen läßt, von dem in Somogy gelegenen Kaposvär
her, um eine Strecke weit auch die Grenze von Baranya zu bespülen, dann bei Dombövär
in Tolna einzutreten, dieses Comitat zweimal zu durchschneiden und uuterwegs seinen
Namen zwei- bis dreimal zu verlieren oder zu ändern. Vom untersten Süden ausgehend,
steigt er bis Simontornya hinauf uud fällt da in den Siö. Der Siö, dieses im Hain
erwachsene Kind des Plattensees, lockt ihn mit sich nach Süden, so daß er in Gestalt eines
jene steinlose, lehmige Berggruppe umgeht, welche die Mitte des Tolnaer Comitats
bedeckt; auf ihrem Weg nach Süden laufen die beiden um die Wette mit dem in geringer
Entfernung und überall parallel mit ihnen hinabfließenden Sarviz, bis endlich die drei
Flüßchen bei dem farreuuährenden Agärd sich zu einem dreieinigen Flusse verbinden und
als solcher, allerdings todmüde, träge Szegzärd erreichen, unterhalb dessen sie sich in den
bereits halbtodten Tolnaer Donau-Arm fallen lassen. Doch selbst hier noch entzweien sich
die vereinigten Gewässer; ein Theil sondert sich ab, legt sich in sein altes ungemachtes
Bett und irrt unter hundert Windungen weiter, bis er schließlich sein eigensinniges
Köpfchen in die Bätaer Donau tauchen muß. Wenn die Donau schwillt, preßt sie die
Gewässer empor, so daß es selbst bei Simontornya merklich wird. Dieses launenhafte
Wassernetz lenkt auch die Eisenbahnen, der eine Lauf gegen Dombövär, der andere gegen
Szegzärd hin.
Wir sagen: ein Wassernetz, denn es hat sich aus den Verästlungen des Kapos,
Koppany, Siö uud Sarviz gebildet. Heute sind dies bereits Flüßchen, im Grunde aber
doch nur Abflußkanäle für die Gewässer der ausgedehnten Sumpfgelände, die sich rechts
und links zu Füßen des erwähnten Gebirges lagern, und zwar sind sie erst zu Anfang
unseres Jahrhunderts entstanden, theilweise sogar nur als Erneuerungen jenes Kanales,
welchen zu Ende des III. Jahrhunderts unter Diocletians Regierung dessen Heerführer,
später Schwiegersohn und Nachfolger, Galerins, in dem Bette des Siö-Särviz ausheben
ließ, um deu Plattensee mit der Bätaer Donau zu verbinden, woraus er das durch deu
Kanal durchschnittene Unter-Pannonien nach seiner Gemalin Pannouia Valeriana
benannte. Die drei Kanäle — Kapos uud Siö-Sarviz oder Palatiualkaual — haben in
den drei Comitaten Weißenburg, Somogy und Tolna nahezu lOO.OOd Joch Sumpf-
landes in reichen Culturboden verwandelt.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Band 16
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (4)
- Band
- 16
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1896
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.18 x 21.71 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch