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Thonperlen, Gefäße, primitive Bequemlichkeitsgeräthe, ja selbst plastische Versuche (ein
menschliches Bein aus Thon geformt), womit der höhlenbewohnende Mensch der Bronze-
zeit und auch der noch um Jahrhunderte älteren Steinzeit (der „Erdmensch" der ungarischen
Märchen) sich geschmückt, vertheidigt, erhalten und sich den Weg gebahnt hat zur Herrschaft
über die Schöpfung. Dort, auf einer durch hundert Klafter tiefe Thäler geschützten
Hochebene — wer die Berge längs des Kapos von der Eisenbahn sieht, glaubt gar nicht,
daß es in ihnen solche Abgründe gibt — dort liegen übereinandergebreitet die in den
Boden eingewühlten Dörfer zweier auf einander folgender Menschengeschlechter, 50 bis
60 Menschengruben in den einzelnen Gruppen vereinigt. Der Mensch der Steinzeit lebt
noch in der Erde, aber schon in Gesellschaft, gesellschaftliche Ordnung, Gesetz, Recht ist
also schon vorhanden. Des Erdmenschen Haus und Burg ist eine bienenkorbförmige Grube,
oben eng, nach nnten in der inneren Lichte immer mehr ausgedehnt, mit Licht von obenher
durch die runde Öffnung versehen, über der ein aus Weidenruthen geflochtenes Regendach
angebracht ist. Dies ist die Behansnng; eine zweite Grube daneben ist die Küche, eine
dritte die Speisekammer, und diese enthält Weizen, Hirse, Gerste, verkohlte Zeugen des
menschlichen Schweißes, denn das Alles mußte auch damals mit Verstand gebaut, mit Arbeit
gesammelt und mit Voraussicht gespart werden. Der Verkehr zwischen den drei Räumen ist
schwierig, man muß jedesmal erst ans Tageslicht kommen, um in die andere Grube hinab-
zusteigen, denn sie sind von einander abgesondert, aber bei einigen — vielleicht bei den
Vornehmen — durch Stege verbunden. Auf dieses ausgestorbene Volk folgte ein anderes,
vielleicht dessen vernichtender Feind, vielleicht sein höher entwickelter Nachkomme, dessen
Cultur schon so weit gewachsen war, daß es seine Behausung nur noch halb in die Erde
eingrnb; damit war also die Erdhütte erfunden. Dieses Volk hatte schon das Mineral-
nnd Thierreich, soweit sie ihm zur Hand lagen, erobert; an den im Lengyeler Museum
gesammelten Steinwerkzeugen unterscheidet man 17 Steinarten des Mecsek. Es hatte seine
Erzgießerei, es hielt Vieh, es entwickelte das Töpferhandwerk zu großer Vollkommenheit
und sein Geschmack in der Schmückung der eigenen Person begann sich zu entwickeln. Ja
es hatte sogar eine systematische Kriegskunst. Wo es sein 20 Joch großes Reich durch
die gähnenden Abgründe nicht hinlänglich geschützt fand, an den Rändern der sanfteren
Abhänge, flocht es Zäune und warf es Dämme auf. Die Bruchstücke im Lengyeler Museum
berichten das Alles im Allgemeinen, im Einzelnen und auch für den Unbewanderten sehr
verständlich ist es Stück für Stück beschrieben in dem werthvollen Buche: „Über die
urzeitliche Niederlassung zu Lengyel" von Moriz Wosinßky, dem Leiter der Ausgrabungen.
Die beiden vorgeschichtlichen Gemeinwesen hatten auch ihre Friedhöfe, und diese sind
mittheilsamer als ihre Wohnstätten. Die Behausungen sprechen nur zu unserem
beobachtenden Verstand, die Gräber berühren auch unser Herz. Die Todten, die Gebeine
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Band 16
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (4)
- Band
- 16
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1896
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.18 x 21.71 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch