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oder wenn der Mann in die Stadt, auf den Jahrmarkt oder die Kirchweih gerieth,
auch durch blutige Schlägerei zu vertreiben. So mancher Prachtbursche verdorrte daun
im Eisen zu Kaposvär oder Tapsony oder endete am Pfahl des Gerichts. Ein schwerer,
mit breitem schwarzem Band eingefaßter Hut von der Form des Faltenpilzes (varKÄn^a),
ein kurzer, bunt ausgenähter Veszpremer Szür, das kragenlose Hemd kaum bis in den
halben Rücken hinabreichend, die kurze Gatya (Leinenhose) langbefranst und hundert-
fältig, der Bundschuh (koeskor) wohlgeschnürt, der schimmernde Beilstock mit der
Linken geführt, das in der Mitte gescheitelte schwarze Haar theils frei auf den Rücken
fallend, theils neben den Ohren in Knoten gebnnden, dazu eiue Fluth von Flüchen und
Großsprechereien: das war der „Kanäß", der Schweinehirt. Mancher von ihnen wuchs
sich zum König heraus, dessen Wort in der ganzen Kanäßengesellschaft von Siöfok bis
Drävafok als Befehl galt, der unter seinen Genossen die Polizei machte und Urtheile
fällte, durch Verstand und Vermögen zu Ansehen gelangte und, wie Kerteß P a l i in
Kälmänesa, lebte und starb, ohne jemals „in Kapos gewesen zusein", . . . imKaposvärer
Gefängniß nämlich. Und tiefer drin im Waldinnern, auf der „Kauäß-Tauya" (Schwein-
hirtengehöft), da sitzen fünf oder sechs geduckte Gestalten um das Feuer her, zuweilen
erschöpft, zuweilen drauf los zechend, und verbergen sich vor dem „Comitat". Es sind
„Geschorene" (Deserteure), stellenlose Dienstleute, wegen geringer Vergehen oder Wirths-
hausbalgereien in den Wald gegangene Burscheu, die, statt sich freiwillig der Behörde zu
stellen, von Wald zu Wald schleichen, bis der Ruf, das Lied sich ihres Namens bemächtigt,
nnd nach etlichen Wochen, besonders wenn auch der Pandnr sich darein legt, als kleiner
„Sobri" dasteht. Eine Wildheit, die Gesetz und Obrigkeit nicht kennen will, hetzt die
meisten dieser au die Ieomans eines Walter Scott erinnernden Gestalten ins Verderben.
Doch die Wälder lichten sich, die Rodungen werden immer größer, die Zahl der
Meierhöfe wächst, die Csardas schwinden und der Ruhmestag des Kanäß geht zu Ende.
An die Stelle seines handbreit mit rothem Tuch ausgeschlagenen, mit seidenen Blumen
ausgenähten Szür tritt der bürgerliche, mit Flachknöpfchen benähte Dolmäny; statt des
Beilstockes führt seine Hand den harmlosen Knüttel; statt mit Flüchen lenkt er das
Mutterschwein mit leisen Pfiffen; er ist überhaupt eiue ganz repntirliche, obgleich etwas
schmutzige bürgerliche Gestalt mit geschorenem Haare geworden und stndirt, auf einem
Baumstamm sitzend, aufmerksam das Zeitungsblatt der vorigen Woche, in das ihm die
Ehegattin den Speck gewickelt hat.
Freilich mußte seine Macht auch aus anderen Gründen sinken. Von Urzeiten her
war er der Erste gewesen unter den Hirten des waldigen Somogy; der Urwüchsigste unter
allem Hirtenvolk, Einer, dem ja nicht einmal der Türke mit seiner Brandschatzung an den
Leib gekonnt. Als aber die Rodungen um sich griffen und die Meierhöfe immer mehr
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Band 16
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (4)
- Band
- 16
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1896
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.18 x 21.71 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch