Seite - 344 - in Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild - Ungarn (4), Band 16
Bild der Seite - 344 -
Text der Seite - 344 -
344
Opfer blutiger Bruderkriege, der allein übrig gebliebene Sprosse aus dem abdorrenden
Königsstamme Ärpäds. Ein von Zweigesspitze abgeschnittener zarter Schößling, den der
todtkranke Stefan II. aus seinem Versteck herausholte und auf den Stamm zurückpfropfte.
In dem blinden König frischt sich das absterbende Königshaus wieder auf, treibt ueue
Zweige und belaubt sich wieder für volle zwei Jahrhunderte.
In den Thälern des Zengö liegen ringsum, von uraltem Kastauieuwald beschattet,
die volkreichen magyarischen DörserHosszu-Hetiny, Szent-Läßlö und Värkony von
wo die bereits erwähnte schöne Gebirgsstraße nach Tolna eilt, abgrundtiefen Thälern
entlang und über zwei reißende Bäche hinweg, die sie mittels hoher Brücken überspringt.
Unterwegs trifft sie Nädasd, wo aus einer langen Reihe hübscher Häuser Laudhaus
und Park des Bischofs von Fünfkirchen stattlich aufragen und auf hohem Hügel eine alte
Kirchenruine dunkelt.
Die Sik lös-Vi l länyer Hegyal ja ' und das Ormänsäg. — Verlassen wir
den Mecsek auf der nach Villäny ziehenden Eisenbahn oder Landstraße. Unser Auge ist
ermüdet im Anschauen der mannigfaltigen Landschaftsbilder, aber nach so vielen ver-
flachenden Hügeln und sich ausweitenden Thälern thut sich alsbald eine neue, noch
schönere Welt auf. Sie liegt dem Siklös-Villänyer Gebirge zu Füßen, das nicht wie der
Mecsek einen weitgedehnten Rücken aufweist. Seine nördliche Flanke ist bis an die Gipfel
hinan mit Wald und Weingärten bedeckt, die südliche hat viel starren Fels, aber noch
mehr Reben. Die kleine Bergkette umspannt im Halbkreise das zur Drau hinabgleitende
Flachland, ungefähr wie die Karpathen das ganze Land. Diesseits und jenseits wächst
starker Rothweiu, der Südseite gebührt aber doch der Vorrang. Am östlichen Eckstein der
Bergkette, wo drei Bahnlinien sich treffen, liegt das weinberühmte Villäny. Weiterhin,
immer dem Fuß des Gebirges entlang, folgen einige wein- und weizenreiche magyarische
Ortschaften mit geraden, breiten Straßen; ihre intelligente Bevölkerung hat viel politischen
und sozialen Sinn, sie hält ans sich in Haushalt, Sitten und Tracht, sie liest, lernt und
nimmt Antheil an den öffentlichen Angelegenheiten; viele sind fertige Redner, viele
überraschen durch literarische Kenntnisse uud Gewandtheit des schriftlichen Ausdrucks.
Die Männer tragen noch den Szür (Lodenmantel), zur Gala aber Attila, Bekecs und
Buda, den Bart meist nach der letzten Mode. Die Weiber haben ihre Lust an Seide, an
bunten, schmucken, kostbaren Dingen, an der Mode überhaupt, es ist ihnen aber noch
nicht gelungen die Strammheit ihres Wuchses, die der inZväll (Puffärmelhemd) sichert,
zugrundezurichten. An den Füßen tragen sie kostspielige, hochschästige, seitlich geschnürte
Schuhe; nur der Kops hat noch seinen alten Schmuck, das weiße steife Spitzeuhäubcheu,
über dem an Festtagen zum Schutz gegen die Sonne noch ein Modehut und Sonnenschirm
' „Hegyalja" heißt überhaupt jedes einem Gebirge zu Füßen liegende Land.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Band 16
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (4)
- Band
- 16
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1896
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.18 x 21.71 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch