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In dieser Urkunde wird dem Orden das Doppelamt übertragen, der Jugend
Erziehung und Mittelschul-Uuterricht zu bieten, aber anch der Seelsorge obzuliegen.
Seiner Lehrpflicht kommt der Orden in den Obergymnasien zu Raab, Ödenbnrg und
Gran, sowie in den Untergymnasien von Papa, Komorn und Güns, seinem geistlichen
Amte aber in 25 Kirchen nach, deren 15 direct der bischöflichen Jurisdiktion des Erz-
abtes unterstellt sind.
Dieser älteste kirchliche Bezirk des Landes, dessen Oberpriester der Erzabt ist, genießt
volle Unabhängigkeit von jeder Diöcese und steht blos unter der Oberhoheit des heiligen
Stuhles zu Rom. Der Erzabt verrichtet — mit Ausnahme der Priester- und Ölweihe —
bischöfliche Agenden; er hat einen Generalvicar und einen eigenen heiligen Stuhl; sein
Titel als Erzabt stammt von Wladislaw II. und seit Maria Theresia ist er Mitglied des
Magnatenhauses. Der Erzabt wird nach einem von den Ordensmitgliedern ausgegangenen
Ternavorschlag durch die Krone ernannt. Auf Grund eines ähnlichen Vorschlages der
Ordensmitglieder werden auch die Filialübte zu Bakonybel, Zalavär, Tihany und Dömölk
durch den Erzabt ernannt und durch Seine Majestät bestätigt. Der Erzabt residirt in
Martinsberg.
Dieser schöne Punkt des Raaber Comitats liegt zwei Stunden südlich von Naab.
In sanfter Windung schlängelt sich die Straße zu der „Burg" hinan, wie das Volk das
Gebäude der Erzabtei nennt, das in der That durch Basteien, Mauerthürme und beider-
seits des Hofthores noch sichtbare Schießscharten ein burgmäßiges Ansehen erhält. Feuer
und Schwert haben diese Mauern im Laufe der Jahrhunderte wiederholt in Trümmer
gelegt, doch sind sie stets wieder erstanden. Der Haupttheil des jetzigen Gebäudeblocks ist
die in der Mitte emporragende Kathedralkirche, die an ihrer ursprünglichen Stelle unter
dem Abt Urias im Übergangsstil des XIII. Jahrhunderts erbaut wurde. Das Chorende
blickt gegen Osten, das an der Südfront angebrachte Festportal führt in das Erzkloster,
der Haupteingang öffnet sich von Westen her. Das Festportal ist zu Anfang des XVII. Jahr-
hunderts erbaut, das Hauptthor mit der Fa^ade und dem darüber aufsteigenden Thurm
erst in unserem Jahrhundert und demgemäß dem Baustil der Kirche fremd. Das Kirchen-
innere zerfällt in drei durch Säulen getrennte Schiffe; unter dem erhöhten Thor befindet sich
eine Unterkirche von herrlicher Arbeit. Die stilgerechte Erneuerung der Kirche wurde durch
den Erzabt Ehrysostomus Krueß mit seltenem Kunstsinn und großen Kosten durchgeführt.
Sein Nachfolger, Claudius Vaszary, der jetzige Cardinal-Fürstprimas von Ungarn,
verwendete auch große Sorgfalt auf die Kunstdenkmäler der Abtei.
An die Kirche stößt nördlich der mächtige Bibliotheksbau. Den Grund zur Bibliothek
legte König Ladislans der Heilige durch die Schenkung von 72 Büchern; gemehrt wurde
sie im XII. Jahrhundert durch Adalbert, der seine Bücher testamentarisch der Abtei
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Band 16
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (4)
- Band
- 16
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1896
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.18 x 21.71 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch