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Bauern auf dein Gutsgebiete an einem Tage in der Woche die sogenannte Robot znr Pflicht
machen. Durch Entscheidungen des königlichen Gerichtes wird der Bauer mit seinen Klagen
gegen den Gutsherrn abgewiesen und auf das Forum seines Herrn beschränkt. Die hiedurch
dem Bauer auferlegte Hörigkeit war nur insoferue nicht drückend, als alle Gutsherren um
den Bauer als Arbeitskraft iu Wettbewerb traten. Trotz aller gesetzlichen Verbote blieb
es dem Baner möglich, von einem Herrn, der ihm zu große Lasten auferlegte, zu einem
anderen zu fliehen, der ihn bereitwillig anfnahm und ihm ziemlich große Freiheiten
gewährte. Der Drang nach Osten gewinnt nunmehr eine ungeahnte Stärke, die westlichen
Provinzen des Reiches werden theilweise entvölkert und die Ansiedlnngen im Osten rücken
immer weiter vor. Die südlichen ruthenischen Provinzen gewinnen das Aussehen eines
gemischtsprachigen Landes und verbinden sich immer iuuiger mit dem polnischen Volkswesen.
Trotz dieses theilweisen Abflusses der Bauernkräfte nach dem Osten hat doch der Land-
edelmann in Polen seinen Zweck erreicht und mehr oder weniger ausgiebige Arbeitskräfte
für sein Gntsgebiet gewonnen. Der Absatz der eigenen Rohproduete auf dem Wasserwege
nach Dauzig machte ihn wohlhabend nnd den Einflüssen einer höheren Cultur mehr als
früher zugänglich. Nicht nur Söhne der Magnatenfamilien, sondern der ganze Adel über-
haupt besucht jetzt die Schulen, die Krakauer Universität gründet überall Gymnasien,
sogenannte Kolonien. An der Universität, welche sich einer nie geahnten Frequenz erfreut,
finden die Classiker des Alterthums Eingang, und die mathematisch-astronomischen Wissen-
schaften gelangen zur Blüte. Ein Schüler dieser Universität, der Thorner Domherr Nikolaus
Kopernikus veröffentlicht im Jahre 1543 sein Werk: ,l)e revolutionikus oidiuin
l:oelestwiii". Schare» polnischer Stndenten ziehen nach ausländischen Universitäten, vor
allem nach Italien. Werke der ausländischen Literatur verbreiten sich nicht nnr in den
Städten, sondern auch auf dem Lande, der Humanismus zeitigt seine Blüten.
Die deutsche Reformation findet in Polen einen hinlänglich vorbereiteten Boden
und äußert ihre Wirkung vor allem darin, daß die heimische Literatur sich uicht auf
lateinische Werke beschräukt, sondern immer rüstiger zur Herausgabe von polnischen
Büchern schreitet. Die Gemahlin König Sigismunds, Bona, aus dem Hause der mailän-
dischen Sforza, bringt einen glänzenden Hof von Künstlern mit, die italienische Renaissanee
verdrängt die bisherige deutsche Gothik, in Krakau wird an dem schönsten Kunstwerke
Polens, der Jagiettonischeu Kapelle am Wawel gebaut, und kirchliche nnd weltliche
Magnaten wetteifern in ihren Burgen uud Palästen mit dem Glänze des königlichen
Hofes in Krakan.
Diese geistige Entwicklung ist aber leider nicht von gleichen Erfolgen auf dem Gebiete
der Politik begleitet. König Sigismund zeigt sich in den ersten Jahren seiner Regierung
als ein vorzüglicher Verwalter der Krondomänen und unternimmt auch wiederholt die
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Galizien, Band 19
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Galizien
- Band
- 19
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1898
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 16.48 x 22.34 cm
- Seiten
- 920
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch