Seite - 207 - in Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild - Galizien, Band 19
Bild der Seite - 207 -
Text der Seite - 207 -
207
patriotische Elemente zu vollständiger Ohnmacht verurtheilt sind und daß das Wahlfeld
zu einem Kampffelde für einzelne Oligarchen sich gestaltet. Fremde Mächte versäumten
es auch nicht, dieses Chaos gründlich zu durchwühlen und hiebei ihre Interessen zu verfolgen.
Verschiedene Candidatnren tauchten auf. Die meisten Anhänger vereinigten sich um
Erzherzog Ernst, einen Sohn Kaiser Maximilians II., und Heinrich von Valois, Bruder des
Königs von Frankreich. Für den ersteren erklärten sich jene katholischen und aristokratischen
Elemente, welche durch die Dynastie der Habsburger auf dem polnischen Throne den
Katholicismus zu schützen und den aristokratischen Elementen des polnischen Gemeinwesens
eine festere Gliederung zu sichern beabsichtigten. Der Mehrzahl der Wähler schien es aber,
daß Polen dadurch an Selbständigkeit einbüßen würde. Es gelang auch dem französischen
Gesandten Montlnc, die Massen für feinen Herrn zu gewinnen, so daß Heinrich von
Valois schließlich zum König von Polen proclamirt wurde. Freilich hatte man für
ihn nach Art der Wahlcapitnlationen der deutschen Kaiser besondere pacta, ccmventa
geschmiedet. Diese pacta enthielten die Anerkennung vollkommener Religionsfreiheit,
dann eine Reihe von Artikeln, kraft deren die königliche Macht jeder Executiv-Gewalt
beraubt und nur auf die Verleihung von Gnaden, Ämtern und Starosteien angewiesen
wnrde; schließlich enthielten die pacta auch Verpslichtnugen des neuen Königs hinsichtlich
der Vertheidigung des Reiches mit jenen angeblichen eigenen Mitteln, die er nach
Polen mitbringen sollte. Der Taumel, welcher diesen ganzen Wahlact begleitete, mnßte
bald zu arger Enttäuschung führen. Heinrich von Valois kam nach Polen, ohne etwas
mitzubringen, zeigte sich seiner Aufgabe nicht gewachsen, und das Schattenkönigthum gefiel
ihm so wenig, daß er nach einigen Monaten Krakau insgeheim verließ und Polen seinem
Schicksale überließ.
Das neue Interregnum war noch stürmischer als das erste. Die Eandidatur eines
Habsburgers gewann jetzt noch mehr Anhänger, insbesondere im Senate. Die Anlehnung
an die Macht der Habsburger erschien vielen als Hort für das zerrüttete polnische
Staatswesen. Diesmal wurde Kaiser Maximilian II. selbst zum Könige von Polen
ausgerufen, aber nur ein Theil der Wühler erklärte sich für ihn; ein anderer unter der
Führung des jungen Volkstribuneu Johann Zamoyski rief die Schwester des Sigismund
August, die fünfzigjährige Anna Jagiet lonka, zur Königin aus uud bestimmte ihr zum
Gemal den Wojwodcn von Siebenbürgen, den kriegerischen Stefan Bathory. Da
Maximilian mit seiner Reise nach Polen ungewöhnlich lang zögerte, ermöglichte er es seinem
Gegner, nach Krakau zu gelangen und den Krönungsact (1576) vorznnehmen. Bald nahm
den nenen König ein Krieg mit Moskau vollständig in Anspruch, den der Ezar Iwan der
Schreckliche mit einem verheerenden Zug nach Livland eröffnete. Er fand aber in Bathory
einen überlegenen Gegner. Der Krieg wnrde nicht blos von Lithauen, sondern von dem zu
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Galizien, Band 19
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Galizien
- Band
- 19
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1898
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 16.48 x 22.34 cm
- Seiten
- 920
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch