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Gymnasialstudiums. Die deutsche Sprache war die Unterrichtssprache, aber auch die Landes-
sprache» bildeten einen Lehrgegenstand, und einheimische Lehrkräfte kamen nach und nach in
Verwendung. Die nationale Literatur, welche im Jahre 1848 in Galizien offenen Eingang
fand, bekam in Krakau und Lemberg zwei neue Pflegestätten. Das Ossoliuskische Institut
in Lemberg und der wissenschaftliche Verein in Krakau vereinigten die zerstreuten Kräfte
und Galizien begann an der Entwicklung der polnischen Wissenschaft und Literatur immer
regeren Antheil zu nehmen, obgleich der Schwerpunkt dieser Literatur noch immer im
Auslande sich befand.
Das im Jahre 1848 erfolgte allgemeine Erwachen des nationalen Geistes kam
in Galizien insbesondere dem ruthenischen Volke zngnte. Infolge der geschichtlichen
Ereignisse war das rnthenische Volksthnm hauptsächlich auf den Bauernstand beschränkt,
welcher, mit dem polnischen stark gemischt, den östlichen Theil des Landes bewohnte.
Selbst die rnthenische Geistlichkeit war stark polonifirt, und die polnische Sprache wurde
vielfach als Amtssprache der ruthenischen Kirchenbehörden verwendet. Im Jahre 1848
erwachte uuu das nationale Gefühl innerhalb der ruthenischen Geistlichkeit und Intelligenz
und fand von Seiten der Regierung lebhafte Förderung. Den Ruthenen wurde durch eine
Widmnng des Kaisers Franz Joseph I. die Errichtung eines Nationalinstitutes „Naroduy
Dom" in Lemberg ermöglicht. Eine rnthenische volksthümliche Literatur, welche schou
früher einige Vertreter besaß, begann sich jetzt zu entwickeln und die rnthenische Sprache
fand Berücksichtigung in den Volks- und deu Mittelschulen. Die größte Schwierigkeit
bildeten für die Entwickelung der Ruthenen die unter ihnen herrschenden widerspruchsvollen
Anschannngen über das Wesen ihrer Nationalität und Sprache. Wenige von ihnen ver-
traten den Staudpuukt, daß man sich an die rnthenische volksthümliche Literatur anlehnen
und anf dieser Grundlage die rnthenische Sprache zn einer selbständigen nationalen Schrist-
nnd Literatursprache entwickeln solle. Die Mehrzahl der ruthenischen Intelligenz in Galizien
war bestrebt, eine rnthenische Schriftsprache künstlich, mit Berücksichtigung der kirchenslavischen
nnd der russischen Sprache auszubilden. Manche von den galizischen Ruthenen verloren
sogar die Hoffnung, jemals zu einer besonderen ruthenischen Schriftsprache zu gelangen, und
es tauchte die Anschauung auf, daß die ruthemsche Volkssprache iu Galizien nur einen Dialeet
der russischen Sprache und das rnthenische Volk nur einen Zweig des russischen Volkes bilde.
Das Octoberdiplom vom Jahre 1860 eröffnete dem politischen Leben in Galizien
eine freiere Bahn. Während der allgemeinen Kämpfe nm die Verfassung, welche erst
gegen Ende des Jahres 1867 in der Erlassung der Staatsgrnndgesetze ihren Abschluß
fanden, gelangte bei den Polen in Galizien jene politische Richtung zum Durchbruche,
welche auf der Überzeugung beruht, daß Österreich ihrer Religion und ihrem Volksthum
sicheren Schutz biete und daß nur ein mächtiges Österreich diesen Schutz gewähren könne.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Galizien, Band 19
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Galizien
- Band
- 19
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1898
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 16.48 x 22.34 cm
- Seiten
- 920
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch