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vortrefflicher Soldat, umsvmehr, als er blind gehorcht, den Führern anhänglich nnd
in allen Mühen und Beschwerden außerordentlich ausdauernd ist.
Er liebt Musik nnd Gesang, doch nicht so wie der Böhme, vielmehr wie ein Soldat,
der ohne Trommel- nnd Trompetenschall nicht marschiren, ohne Pfeifen, Singen,
Tanzen, Musik oder Prügelei keinen freien Augenblick verbringen kann. Es muß ihm
immer etwas in den Ohren klingen, wenn nichts anderes, so doch wenigstens Gespräch
oder menschliches Treiben. „Polen stumm machen", hat einmal einer der größten Dichter
gesagt, „das heißt Polen deutsch machen." So wäre anch Musik uud Tanz für dieses
Bolk gar nichts, wenn es nicht selbst sänge. Die Musik muß die Melodie aufnehmen, die
er ihr vorsingt nnd danach tanzt er. Mit den Füßen stampst er aber jeden Augenblick so
heftig, daß die Dielen krachen; ohne dieses Stampfen gäbe es keine Lustbarkeit für ihn,
wäre es kein polnischer Tanz. Das Lied ist kurz und ungekünstelt, die Melodie sehr einfach,
doch ist alles kernig, männlich hart; während die Jnngen singen und springen und mit den
Füßen stampfen, nnterhalten sich die Alten lärmend. Dieser Lärm ist speeifisch polnisch
und etwa dem Getümmel in einem Lager zu vergleichen.
Dieser tiefe Glaube und die daraus fließende seelische Gesundheit in Berbindung
mit dieser Soldaten-Bravour, mit dieser jugendlichen Heiterkeit des Gemüths, mit dieser
offenen lärmenden Fröhlichkeit, mit diesem unbefangenen Lachen: das ist die polnische
Kalokagathie, die umso schöner nnd werthvoller ist, als an ihr nichts Unnatürliches und
sie in eine gewisse ernste Würde gehüllt ist, die das polnische Bolk in dieser Hinsicht
am meisten dem deutschen Bolke nähert. Nebst der Arbeitsamkeit, den wirthschaftlichen
Kenntnissen und der Aufklärung ist es gerade dieser Ernst des Deutschen, welcher dem
polnischen Bauer am besten gefällt, denn er ist ihm gleichsam ein Widerschein seiner
eigenen Art nnd Weise. Es verbindet sie anßerdem eine große Geradheit des Charakters,
sie sind beide ohne Lug und Trug. Darum hat auch der polnische Bauer kein Bornrtheil
gegen den deutschen Landmann, welches ihre gegenseitigen Beziehungen erschweren würde,
znmal sie eines lind desselben Glanbens sind. Der Pole anerkennt sogar neidlos im
Deutschen etwas Besseres und Höheres; nnr möge Gott es verhüten, daß ihn der Deutsche
aus diesem Grunde etwa geringschätze; dann ist's mit der Freundschaft aus, denn dann
schwindet die Empfindung, daß der Andere ihm gleich edel sei und jene persönliche Würde,
die sogar im ärmsten nnd ungebildetsten Polen unglaublich lebhaft ist, findet sich sofort
verletzt. Hinters Licht führen nnd betrügen kann man den Polnischen Bauer leicht geuug,
deuu er ist harmlos und setzt bei Niemandem ihm feindselige Instinkte voraus; allein ans
eigenem Antriebe wird er nie etwas Leichtsinniges nnd Oberflächliches unternehmen. In
dieser Beziehung ragt er sogar über die aufgeklärteren Schichten der Nation hinans.
Daraus läßt sich anch vor Allem der schwache Antheil der polnischen Landlcnte an
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Galizien, Band 19
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Galizien
- Band
- 19
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1898
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 16.48 x 22.34 cm
- Seiten
- 920
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch