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bewaffneten Aufständen erklären; das Volk hat diese immer als abentenerliche Unter-
nehmungen angesehen. Der gesunde Verstand des Bauers ist denn auch bei den Polen
sprichwörtlich geworden. Die Lebhaftigkeit des Temperaments läßt ihn im Streite leicht
das Gleichgewicht verlieren und im Zorn ist er im Stande, sich selbst unverzüglich
Gerechtigkeit zu schaffen. In solchen Fällen kann er sogar sehr unüberlegt und furchtbar
sein; doch geht die Raserei schnell vorüber; es folgt Rene und der heiße Wunsch, das
Geschehene gutzumachen. Gehässigkeit und langgenährte Rachsucht kennt dieses Volk nicht.
Beleidigungen verzeiht es schnell und leicht; dagegen bewahrt es lange in treuem Andenken
alles Gute, das es je von irgendwem erfahren hat.
Dem Kaiserhanse ist der polnische Landmann mit ganzem Herzen nnd ans voller
Seele ergeben. Von den früheren Herrschern ist es besonders die edle Gestalt der Kaiserin
Maria Theresia, welche dem Volke in dankbarer Erinnerung blieb und in dessen Traditionen
überging. Ihr Name ist sogar sprichwörtlich geworden; denn wenn er ausdrücken will, daß
in Galizieu etwas schon lange geschehen sei, so sagt der polnische Baner, es sei aus der Zeit
Maria Theresias. Und was die Liebe zur Person des uns gnädig beherrschenden Kaisers
betrifft, so darf man kühn behaupten, daß kein ureigener polnischer Herrscher ein treueres
und hingehenderes Volk sein eigen nennen könnte. Zahlreiche Erzählungen rühmen seine
Frömmigkeit, seine Barmherzigkeit und jenen ritterlichen Edelmnth, welchen auch das
einfachste polnische Herz so wohl nachzuempfinden versteht! Umsomehr ruft die jedesmalige
Ankunft des geliebten Monarchen ungeheure Freude und die Sehnsucht, ihu zu sehen,
hervor. Der Ausdruck „österreichisch" schließt hier gar nichts in sich, was als fremd
angesehen würde; man sagt hier immer und beständig „unser Kaiser", „unser Monarch",
„unser Militär", „nnsere Monarchie", nnd diese Ausdrucksweise ist der Aussluß tiefer
Überzeugung. Diese loyalen Gefühle haben sich wohl hauptsächlich in Worten nnd Hand-
lungen der galizischeu Szlachta geäußert; allein man muß wissen, daß hinter der Szlachta
eine kolossale Volksmasse steht, welche dieselben Gefühle hegt.
Der Militärdienst ist dem Ackerbauer immer beschwerlich, weil er ihn von seinen
gewohnten Arbeiten abruft; diese Erscheinung sieht man anch hier. Allein der polnische
Landmann hat, wie dieses ganze Volk, etwas Militärisches im Blute; so gewöhnt er sich
leicht an den Dienst und gewinnt ihn lieb. Ein Volkslied sagt: „Im Feldzug ist's gar
nicht so schlecht, als die Leute meinen."
„Wer fleißig nur betet, hat im Kriege keine Noth,
Es schießt der Soldat und die Kugel trägt Gott."
Beim Militär zn dienen gilt übrigens als eine nicht geringe Ehre und ist in einem
gewissen Sinne, wie ein Volkslied sagt, die Vollendung der Erziehung.
„Ein Bursch bin ich, erzogen, l Die Mutter hat's gewendet.
Vom Vater wohlgewogen, ^ Der Kaiser hat's vollendet."
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Galizien, Band 19
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Galizien
- Band
- 19
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1898
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 16.48 x 22.34 cm
- Seiten
- 920
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch