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ihren granatfarbenen Röcken und gleich dem Bäc nnd den Jnhäs in Kierpzen (selbstgenähten
Fellschnhen). Ein seltener Anblick!
Innerhalb dieses eingefriedeten Soinmerlagers steht die Koliba, das heißt eine
niedere aus Blöcken zusammengeschlagene Feldhütte ohne Fenster, Fußboden und Decke,
mit Brettern bedeckt, auf welchen große Steine liegen, um zu verhindern, daß der Wind sie
zerstöre. Diese Koliba ist in zwei Hälften getheilt. In der größeren Abtheilung flammt
nahe an der dnrch eine große Steinplatte geschützten Wand ein nie erlöschendes Feuer.
Über diesem hängt ein Kessel zur Bereitung der Molken; neben dem Feuer schlafen auf
dem nackten Boden die Jnhäs, denn die vorhandenen Bänke reichen kaum für Zwei. Im
kleineren Raume werden die Milch- und Bnttergefäße aufbewahrt; hier werden auch auf
Gestellen die Käse getrocknet. Die Schafe und Kühe weiden den ganzen Tag über auf der
offenen Wiese oder Hala, von den Jnhäs und den großen, weißen Hunden gehütet. Der
Bäc hütet nichts. Zur Nachtzeit, selbst bei dem ärgsten Unwetter bleiben die Schafe unter
freiem Himmel, in eingefriedeten Räumen, die Koslar? (Hürden) genannt werden (vom
ungarischen kos — Schaf). Die Juhäs hüten sie mit den Hunden, weil auch manchmal
Wölfe herzukommen. Die Kühe treibt man in die Ställchen, welche gewöhnlich sehr elend
und oft nur aus Geäst, niederem Rothholz, Moos und Steinen zusammengemeistert sind.
Die Hürde wird während des Sommers von einem Ort zum andern verlegt und auf diese
Weise vollzieht sich die Düngung der p o l a n a (Hutwiese). Zu Anfang des Sommers, da
die Weide noch reichlich ist, werden die Schafe dreimal täglich, später nnr Morgens und
Abends gemolken. Die frischgemolkene Schafmilch wird in die Pn t r a s, das heißt hölzerne
Gefäße, geschüttet, welche vom Bäc verfertigt werden. Der Ausdruck „Putra" , in ganz
Polen in der Form Pu tn i a bekannt, ist, wie es scheint, aus dem deutschen Worte „die
Butte" gebildet. In diese in der Putra befindliche Milch wird etwas Lab geschüttet (das ist
Säure des in Wasser geweichten Kälbermagens), wodurch bewirkt wird, daß sich der Käse-
stoff der Milch von der Molke absondert. Diese Flüssigkeit heißt, nachdem sie gekocht ist, erst
eigentlich Molken und diese, sowie Hafergrütze, Sauersuppe und Milch bilden durch einige
Wochen die Nahrung des Bäc und der Juhäs. Einen Theil der Schafkäse gibt der Bäc den
Eigenthümern der Schafe ab und diese Anzahl wird auf folgende Weise bestimmt: Einige
Zeit nach dem Auftrieb der Herden zur Hala kommen ihre Eigenthümer, jeder von ihnen
milkt seine Schafe und mißt mit einem Stäbchen die Tiefe der Milch in dem dazu
bestimmten Gefäße. Darauf wird die Milch ausgegossen und ebenso viel Wasser in das
Gefäß gethan und abgewogen. Das Gewicht dieses Wassers gilt als Einheit für das
Abwägen des Käses und heißt auch „Wasser". Der Bäc gibt also so viele Pfund Käse ab,
als die verabredete Menge von Wassereinheiten wiegt. Wenn der Sommer ein früher und
warmer, die Weide eine reichliche ist, so gibt der Bäc zehn bis elf Wassereinheiten ab,
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Galizien, Band 19
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Galizien
- Band
- 19
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1898
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 16.48 x 22.34 cm
- Seiten
- 920
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch