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Wesen zu berichten: Von Riesen, welche die Wolken nach sich ziehen, wie auch vom
Donner. Diese Riesen sind Lnstgestalten, ebenso, scheint es, der Donner, welcher indessen
auch auf der Erde wandelt. Der Donner ist der Jäger, welcher den geheimnißvollen
Nachtvogel jagt. Es ist schon mehrmals vorgekommen, daß jemand sowohl diesen Jäger
als auch diesen Vogel gesehen hat. Ein großer Herr z. B. liebte es, an jedem Sonntag
vor der heiligen Messe auf die Jagd zu gehen. So ging er nun auch einmal auf die Jagd
und streifte herum und konnte nichts erjagen. Mittlerweile war es Zeit geworden zur
Messe zu gehen, da zeigt sich plötzlich eine schwarze Wolke am Himmel und es beginnt
in der Ferne zu donnern. Der Herr schaut auf und sieht am Ufer des Flnfses einen
seltsamen großen schwarzen Vogel, der traurig und mit hängenden Flügeln ans einem
Steine sitzt. Er denkt bei sich: hab ich gar nichts erjagt, so will ich wenigstens dieses Thier
erlegen. Da erinnert er sich, daß er schon seit sieben Jahren eine geweihte Kugel in seiner
Jagdtasche bei sich trägt. Er zieht also das frühere Geschoß aus seiner Flinte und ladet
sie mit der geweihte» Kugel, dann drückt er los: Paff! da liegt auch schon das Vogelthier
auf der Erde. Er kommt näher heran, hebt den Vogel auf und betrachtet ihn von allen
Seiten, denn er hat noch niemals einen solchen gesehen. Er denkt bei sich: Schade um
das Geschoß! ein so häßliches Thier ist's. Da schreit plötzlich Jemand hinter ihm:
„Bedanre es nicht, Herr! Schon sieben Jahre gehe ich ihm nach und konnte ihn nicht
erjagen, obwohl ich doch so oft nach ihm geschossen. Wie du auf ihn gezielt hast, so habe
ich nach dir gezielt, und hättest du ihn nicht erlegt, so hätte ich dich gefällt." Da erschrack
der Herr fürchterlich; er sieht sich um und da erblickte er vor sich einen Bauer, so groß
wie ein Baum, mit einer Flinte, so groß wie ein Baumklotz. Das war der Donnerer,
der immer nach diesem häßlichen Gevögel jagt, und diese Vögel heißen „Latawce", weil
sie ungemein schnell fliegen (lata«: — fliegen). Der Donnerer nahm jenen Herrn bei der
Hand und sprach noch lange mit ihm. Sie besahen gegenseitig ihre Flinten, dann sagte er
dem Herrn, er möge nie mehr am Sonntag auf die Jagd gehen und flog davon wie der
Wind. Wer die Flinte des Donnerers versuchen wollte, der könnte es wohl thun, nnr
müßte er sich vorher einen eisernen Reif um den Kopf legen, sonst würde dieser infolge
des Knalles in Stücke zerspringen.
Der Volkshumor hat sich jedoch Douuer und Blitz ganz anders erklärt. Jesus hatte
einstmals dem heiligen Petrus auf das Strengste aufgetragen, keinen einzigen Ketzer in den
Himmel einzulassen. Bald darauf starb der erste Ketzer. Er kannte den Richterspruch des
Heilands sehr wohl, daß, wer sich auf Erden von ihm losgesagt habe, der anch im Himmel
nicht mit ihm thronen könne. Aber ein Ketzer ist eben ein Ketzer, dünkelhaft, also geht er
ganz munter auf das Himmelsthor los und hämmert, daß es ein Gränel ist. Der heilige
Petrns, das Alterchen, öffnet das Thor (denn wer könnte erwarten, daß ein Ketzer so dreist
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Galizien, Band 19
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Galizien
- Band
- 19
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1898
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 16.48 x 22.34 cm
- Seiten
- 920
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch