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Am dritten Donnerstage nach den griechisch-orthodoxen Ostern pflegen sich die jungen
Zigeunerinnen zu bekränzen und mit rothen Bändern und Münzen behangen von Haus zu
Haus zu gehen und beim Gesänge einer alten Stammesgenossin zu tanzen. Daraus werden
sie, damit es im Sommer hinreichend regne, von der Hausfrau mit einem Topf voll Wasser
übergössen und mit einer Geldmünze, mit Mehl oder einem alten Kleidungsstücke beschenkt.
In der Bukowina gehören die Zigeuner fast ausschließlich der griechisch-orthodoxen
Kirche an, sind aber keine sehr guten Christen. Sie bringen es höchstens so weit, daß sie
sich nothdürftig bekreuzen können, ohne aber die Bedeutung des heiligen Kreuzes und die
nöthigen Gebete zu kennen. In der Kirche pflegt man sie höchst selten zu sehen, weshalb es
zum Sprichworte geworden ist, daß sie nicht in die Kirche gehen, sondern dahin zur Taufe
nnd zur letzten Einsegnung getragen werden. Die Beichte meiden sie und, wenn sie dennoch,
die anderen Ortsinsassen nachahmend, in den Beichtstuhl treten, so verschweigen sie die
schweren Sünden. Ihrer Kirche halber werden sie von den Rumänen oft geneckt. Die
Zigeuner, so behaupten die letzteren, hätten einmal, um ebenfalls eine Kirche zu besitzen,
eine solche aus .dalinos«, das ist einem Gemisch von Kukuruzmehlbrei, Schafkäse und
Butter, ausgebaut und statt der Glocken ganze Borstenviehköpfe sammt Zungen im Glocken-
thurme aufgestellt. Als sie aber einstmals stark hungerten, da hätten sie ihre ganze Kirche
sammt den Glocken aufgegessen und seit jener Zeit besäßen sie keine eigene Kirche mehr.
Die Zigeunerinnen pflegen ihren Kindern den bösenBlick, denSchrecken :c. abzusprechen,
doch erst, nachdem dieselben ein Jahr alt geworden. Früher dies zu thun, wird als eine
große Sünde angesehen. Die heranwachsenden Kinder werden wenig oder gar nicht
beaufsichtigt, sondern sich selbst überlassen. Die Zigeunermädchen fangen am Tage des
heiligen Johannes Fledermäuse ein, geben dieselben in mit neun oder sieben Löchern
versehene Gefäße und stellen dieselben auf Ameisenhaufen, worauf sie sich schleunigst
entfernen, um nicht das Schreien der von den Ameisen angegriffenen Fledermäuse zu hören,
da sie sonst taub werden könnten. Nachdem die Ameisen die Fledermäuse verzehrt haben,
nehmen sie die übrig gebliebenen Gebeine, pulverisiren dieselben und geben dieses Pulver
den auserkorenen Burschen in den Speisen zum Essen oder in Branntwein zum Trinken
und glauben, daß der betreffende Mann sie dann heiraten werde. Um die Liebe der
Männer zu gewinnen, pflegen ferner die Zigeunermädchen einen Fetzen vom eigenen
Kleide sammt einigen Kopfhaaren zu verbrennen und die Asche davon dem Auserkorenen
zum Trinken zn geben, in dem festen Glauben, daß jener dann in heftiger Liebe zu ihnen
entbrennen werde.
Die Zigeunerbrautleute pflegen eine Woche oder wenige Tage vor der Trauung die
Zukunft zu befragen, um zu erfahren, ob sie Nachkommen haben werden. Zu dem Zwecke
stellen sie am Ufer eines fließenden Gewässers zwei brennende Kerzen auf und wachen
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Bukowina, Band 20
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Bukowina
- Band
- 20
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1899
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.14 x 21.77 cm
- Seiten
- 546
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch