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Rohmateriales, für die verschiedenen Gutsbesitzer auf Bestellung arbeitend, auf ihren
Stühlen bis 4 Meter breite Gewebe herstellen können.
Wohl nicht zu den Geweben gehörig, doch gleichen Zwecken wie die Teppiche
dienend, möge hier noch eine Art von Filzdecken (päslä) erwähnt werden, welche aus
Wolle in etwa 1 Meter Breite und 2 bis 2 5 Meter Länge und darüber hergestellt werden.
Auf einem ausgebreiteten Leintuch von der erforderlichen Größe wird die lose Wolle
circa 20 Centimeter hoch aufgeschüttet und nunmehr, unter stetem Besprengen mit Wasser
immer fester und fester eingerollt, bis die fertige Decke schließlich eine Dicke von 2'/s bis 3
Centimetern erhält. Auf dem dunkelbraunen Grunde hebt sich, durch Auflegen weißer
Wolle erzielt, irgend ein einfaches Ornament ab.
Jedoch nicht auf die Verarbeitung des fertigen Gefpinnstes am Webstuhl allein
erstreckt sich die häusliche Beschäftigung, vielmehr wird auch dieses selbst allerorts eigen-
händig erzeugt. Von dem zumeist mit Kukurutz bebauten Grundstücke wird ein kleiner Theil
im Ausmaße von mehreren Quadratmetern mit Flachs (in, len) oder Hanf (eanepa,
koinzpli) bebaut. Zur geeigneten Zeit, das heißt, nachdem der Hanf abgeblüht, der Flachs
nahezu zur Reife gekommen, wird derselbe gezogen, beziehungsweise gerauft und in Bündeln
pyramidenförmig auf dem Felde zum Trocknen aufgestellt. Nunmehr erfolgt das Rösten,
und zwar wird hiebei fast ausschließlich die Wasserröste entweder in dem nächsten Bache
oder in eigens hiefür gegrabenen seichten Gruben angewendet. Nach Beendigung dieses
Processes, das ist in fünf bis acht Tagen, wird das so präparirte Product in Reihen auf
dem Felde ausgebreitet, um von der Sonne gut durchgetrocknet zu werden, worauf es
eingeheimst und nunmehr dem Brechen und Hecheln unterzogen wird. Das Brechen wird
ausschließlich mit Handbrechen vorgenommen und sind deren größere (inslitoi, datalia)
und kleinere (inelita, terlxea) in Verwendung. Auch das nachfolgende Hecheln wird vorerst
auf einer gröberen (railä, cierki^vka) und sodann auf einer feineren Hechel (peptene,
kredink^) vorgenommen. Die Gefpinnstfaser wird hiebei stets sorgfältig nach Länge und
Feinheit gesichtet, um sodann zu feinerem oder gröberem Garn, der Abfall, das Werg, zu
dickeren Schnüren versponnen zu werden. Das Spinnen erfolgt durchwegs mittelst Spinn-
stock (kureä, kn?i5vka) und Handspindel (kus, Msi-eteno). Das Spinnrad ist in der
Bukowina noch etwas fast gänzlich Unbekanntes. Mittelst der hiezn dienenden Geräthe wird
das gesponnene Garn nunmehr entweder in lange Strähne oder Spulen aufgewickelt, je
nachdem es als Kette auf den Webstuhl gespannt oder als Schußfaden verwendet werden
soll. Nachdem sie den Webstuhl verlassen, wird die fertige Leinwand beim nächsten Bache
auf dem Rasen gebleicht, um sodann in Rollen gewickelt den anderen in der Truhe
befindlichen Vorräthen zugesellt oder gleich, je nach Bedarf, zu Kleidungsstücken verar-
beitet zu werden.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Bukowina, Band 20
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Bukowina
- Band
- 20
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1899
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.14 x 21.77 cm
- Seiten
- 546
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch