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wird. Speciell das Hemd aber zeigt eine ganz eigenartige reiche Stickerei. Der oberste
Theil des Ärmels wird in drei oder vier Reihen übereinander mit einem fortlaufenden oder
aufrecht stehenden Einzelornament ausgestattet und heißt altitä, plsc^vkv darunter zumeist
in gelber Farbe, doch findet sich auch blau, grün oder schwarz, ein fast ausschließlich
geometrisches Linienmuster, die wcretealä, au welches sich nach unten hin
bis zum Ärmelrand ein vertical oder in mehreren schrägen Reihen untereinander gestelltes
Streifenornament hinzieht. Desgleichen laufen über Brust und Rücken mehrere Reihen
kleinerer oder größerer, zumeist rosettenartiger Einzelmuster. In manchen Gegenden des
Flachlandes, sowie bei den Huzulen ist es Sitte, auch die Männerhemden theilweise mit
derartigem Schmucke zu versehen.
Welch eine Fülle der verschiedenartigsten und schönsten Motive sich in diesen
Stickereien vorfindet, ist erstaunlich und gibt beredtes Zeugniß von dem natürlichen
Kunstsinn dieses Volkes; zumeist durch Tradition von Mutter auf Tochter überliefert,
vielfach aber auch der freien Phantasie entsprungen, tritt uns hier ein Reichthum von
Formen, eine Harmonie der Farben entgegen, die uns an das Beste morgenländischer
Knust erinnert, und ebenso wie dort, alles mit den primitivsten Mitteln, ohne Anleitung,
ohne Vorbild ausgeführt. Das junge Mädchen, kaum flügge geworden, greift schon nach
Nadel und Faden und macht, während Gänse und Schafe auf der Hutweide feiner Obsorge
anvertraut sind, die ersten schüchternen Versuche in der heimischen Kunst.
Jedes Dorf fast hat seine speciellen Muster, seine besonderen Eigenheiten und
Kennzeichen, an denen festgehalten wird und an welchen allein schon fast mit Sicherheit
zu bestimmen, aus welcher Gegend die Betreffende sei. Hochinteressant ist die Thatsache,
daß die meisten ihrer Ornamente, sowohl die bei den Stickereien als Webereien verwendeten,
mit Namen benannte Nachbildungen der sie umgebenden Gegenstände, sowohl des Thier-
als Pflanzenreiches, wie auch der ihnen nächstliegenden Gerätschaften bilden, z. B. Peter-
silie, Rose, Hühnchen, Krebs, Pferd, Rechen, Egge:c. zc.
Die sowohl beim Sticken als Weben vorwiegend verwendeten Farben sind: schwarz,
roth, citroneu- und orangegelb, blau und grün und werden, zwar nicht überall mehr,
da eben auch hierzulande die mit Anilin gefärbten Wollen leider immer mehr Eingang
finden, doch noch vielen Ortes und namentlich von den älteren Weibern, die an ihren
alten Recepten festhalten, mit Zuhilfenahme von Pflanzen hergestellt. Zur Herstellung der
gelben Farbe werden Blätter und Rinde des Holzapfels oder Ginster, zu jener der rothen
Farbe Wasserdosten verwendet; Braun und Schwarz werden aus Rinde der Birke, Erle,
Eiche, Zwetschke, Wallnußblättern ic. erzeugt. Auch schwarzer Holländer, Safran, Wolfs-
milch, Butterblume, Kamille, Seidelbast und noch manche andere finden sich in ihren,
durch mündliche Überlieferung erhaltenen Recepten.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Bukowina, Band 20
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Bukowina
- Band
- 20
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1899
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.14 x 21.77 cm
- Seiten
- 546
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch