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großen Krieg, der die weitestgehenden Konsequenzen mit
sich bringen kann, hat man in Petersburg und London von
Berlin aus verboten — und das Resultat ist, daß doch ein
jeder tut, was er will.
Deutschland ist nur auf seine Bajonette basiert, besteht
aus zu vielen Staaten und einzelnen Häuptern und ist nicht
getragen von einer fortschrittlichen und zivilisatorischen
Richtung. Darum ist §s nie so einflußreich, als wie Frank-
reich es war in seinen guten Tagen. Die Macht- oder viel-
mehr Schwächeunterschiede der einzelnen Großmächte
sind zu gering. Darum tut jeder, was er will, und im ganzen
herrschen nur Konfusion und Unverstand.
Wenn es jetzt zu einem Kriege kommt und wenn Bis-
marck ihn nicht ausnützt, um dann glauben zu machen, er
hätte ihn gewollt, ist es die erste große Blamage des
Reichskanzlers in der äußeren Politik.
Ich reise heute nachmittags nach Steiermark; bin aber
Montag früh wieder hier.
Mit den herzlichsten Grüßen
Ihr
Rudolf -
Laxenburg, 19. Mai 1885
Lieber Szeps!
Innigsten Dank für Ihren Brief; das interessante Schrift-
stück stelle ich umgehend wieder zurück, da ich nicht weiß,
ob Sie dasselbe nicht gleich wieder brauchen.
Die kolossalen Fehler unserer polnischen Regierung den
Ruthenen gegenüber sowie auch die infame unoffizielle
Politik Rußlands kennend, halte ich die Sache keineswegs
für übertrieben und wäre ihnen sehr dankbar, wenn Sie
mir eine Abschrift dieses Schriftstückes senden würden;
auch für neue Nachrichten in dieser Angelegenheit, falls
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Kronprinz Rudolf
Politische Briefe an einen Freund 1882-1889
- Titel
- Kronprinz Rudolf
- Untertitel
- Politische Briefe an einen Freund 1882-1889
- Autor
- Julius Szeps
- Verlag
- Rikola Verlag
- Ort
- Wien - München - Leipzig
- Datum
- 1922
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.6 x 19.54 cm
- Seiten
- 246
- Schlagwörter
- Habsburger, Österreich-Ungarn, Monarchie
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918