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Kronprinz Rudolf - Politische Briefe an einen Freund 1882-1889
Seite - 148 -
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nungen des Herrn Dr. Schweninger zu beiolgen sich ent- schließen konnte. Vor einigen Tagen waren wir aus einer anderen Quelle zu berichten in der Lage, daß im allge- meinen das Befinden des Zaren ein normales sei, daß er jedoch zeitweise von Kongestionen zum Kopfe überfallen werde, die sich namentlich beim plötzlichen Erwachen aus dem Schlafe durch Angstgefühle kennzeichneten. Viel- leicht infolge dieser Kongestionen leidet der Zar nach dem uns heute zugehenden Berichte jener Persönlichkeit in Petersburg, bei der wir Erkundigungen eingeholt haben, an einem Zustand, welchen man am besten mit dem Worte „moralische Depression" bezeichnen kann. Dieser Zustand wird uns von unserem Gewährsmann in folgender Weise geschildert: Der Kaiser Alexander zeigt wenig Neigung zum Verkehr mit anderen Personen. Er empfängt nur die allernot- wendigsten Besuche und nimmt nur die dringendsten Vor- träge entgegen. Am liebsten schließt er sich in eines seiner Gemächer ein, in welchem er stundenlang, ohne jemand zu sich zu bescheiden, allein verweilt. Auf den Teppichen dieses Gemaches sind Tierfelle und Plaids in größerer Anzahl aufgehäuft, aus denen der Zar sich ein Lager zurechtmacht. Manchmal geschieht es, daß er seine Kinder zu sich kommen läßt, um mit ihnen ausgestreckt auf seinem fliegenden Diwan von Plaids und von Pelzen stunden- lang sich zu unterhalten. Er pflegt dann auch seinen Lieb- lingshund kommen zu lassen und in der harmlosen Zer- streuung mit seinen Kindern bringt er dann stundenlang zu. Außerdem haben noch in das Gemach des Zaren einige seiner Favoritkosaken Zutritt, denen er unbedingtes Ver- trauen schenkt. Seine Spaziergänge in dem Park von Gatschina, die etwas häufiger geworden waren und eine größere Ausdehnung genommen hatten, sind wieder in bezug auf Raum und Dauer wesentlich beschränkt wor- den, was jene Zustände, wegen deren Beseitigung Doktor Schweninger konsultiert worden war, neuerdings ver- schärfte. In dieser melancholischen Zurückgezogenheit, die nur selten durch eine größere Erregtheit unterbrochen werden, bringt nunmehr der Zar seine Tage zu. Eigentliche Besorgnisse hegt die Familie des Zaren vorderhand nicht. 148
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Kronprinz Rudolf Politische Briefe an einen Freund 1882-1889
Titel
Kronprinz Rudolf
Untertitel
Politische Briefe an einen Freund 1882-1889
Autor
Julius Szeps
Verlag
Rikola Verlag
Ort
Wien - München - Leipzig
Datum
1922
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
13.6 x 19.54 cm
Seiten
246
Schlagwörter
Habsburger, Österreich-Ungarn, Monarchie
Kategorien
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