Seite - 158 - in Kronprinz Rudolf - Politische Briefe an einen Freund 1882-1889
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Wien, 22. Jänner 1888
Lieber Szeps!
Besten Dank für die Übersendung der Notizen, die ich
auch ausgiebig benützen werde.
Ich habe im Verlaufe des heutigen Tages viel Inter-
essantes gehört; man predigt von Berlin aus offiziell
Frieden und zugleich bereitet man auch offiziell den ge-
meinschaftlichen Krieg vor. Es ist eine merkwürdige, ganz
unklare Zeit. Die Nachricht des Nord1" ist meiner Meinung
nach sehr wichtig, da sie den ersten greifbaren und für
die Völker verständlichen Casus belli bringt. Bosnien
können wir nicht aufgeben; und die Weigerung kann zur
Entscheidung durch das Schwert führen.
Der Kriegsminister ist sehr krank; auch wenn er mit
dem Leben davonkommt, halte ich diese Krankheit für
den von vielen erwünschten Grund seines Scheidens aus
dem Amte. Seine Position ist sehr erschüttert.
Mit herzlichsten Grüßen
Ihr
Rudolf
Wien, 4. Februar 1888
Lieber Szeps!
Besten Dank für Ihren Brief.
Ich freue mich, daß zum größten Teil meine Prophe-
zeiungen, die ich, schon als die ersten Verhandlungen mit
Berlin wegen Veröffentlichung des Vertrages113 begonnen
hatten, aussprach, in Erfüllung gegangen sind.
Ich meinte immer, daß diese Aktion weder die Zweifel
in die Ehrlichkeit Berlins noch die Furcht vor dem Kriege
vermindern werde; und das ist eingetroffen. Ein Teil der
hiesigen Bevölkerung glaubt jetzt erst recht, daß Deutsch-
land uns in unseren Interessen im Orient nicht unter-
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Kronprinz Rudolf
Politische Briefe an einen Freund 1882-1889
- Titel
- Kronprinz Rudolf
- Untertitel
- Politische Briefe an einen Freund 1882-1889
- Autor
- Julius Szeps
- Verlag
- Rikola Verlag
- Ort
- Wien - München - Leipzig
- Datum
- 1922
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.6 x 19.54 cm
- Seiten
- 246
- Schlagwörter
- Habsburger, Österreich-Ungarn, Monarchie
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918