Seite - 857 - in Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres - Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes, Band 1
Bild der Seite - 857 -
Text der Seite - 857 -
Am 3. Jänner. 857
etwas Außerordentliches zu bemerken glaubte. Nach geendigter Rede
rief er das Mädchen zu sich, und fragte, wie es heiße, und wer
seine Eltern seyen? Die Eltern kamen auch herzu; Germanus
wünschte ihnen Glück zu einer so hoffnungsvollen Tochter, und sagte
vor, daß sie einst selbst Männern als Muster der Vollkommenheit
vorleuchten werde. Darauf unterhielt er sich mit der Genovefa, die
jetzt 12 bis 15 Jahre alt seyn mochte. Zuerst ermunterte er sie,
ihm die geheimsten Gesinnungen ihres Herzens zu offenbaren; dann
fragte er, ob sie nicht Lust habe, sich ganz Gott in jungfräulicher
Reinigkeit zu widmen? Genovcfa erwiederte, daß sie diesen Ent-
schluß schon gefaßt habe, und bat ihn um die damals schon übliche
Einsegnung zum jungfräulichen Stande. Germanus führte sie, be»
gleitet von dem Volke, in die Kirche, wo Psalmen gesungen
und Gebethe verrichtet wuroen, während deren er ihr die Hände
auflegte
Der heilige Bischof begab sich in seine Herberge, und hieß die
Eltern der Genovefa, diese des andern Tages wieder zu ihm brin-
gen. Es geschah, und Germanus fragte das Mädchen, ob es sich
noch daran erinnere, was es Tags vorher gelobt habe? Es ant:
wortete: „Ich erinnere mich daran, und hoffe mit Gottes Hilfe und
unter dem Beistande deines Gebethes mein Gelübde zu erfüllen."
Der Bischof blickte auf den Boden, sah da eine Kupfermünze, die
mit einem Kreuze bezeichnet war, hob sie auf, gab sie der Genovefa
und sprach: „Behalte diese Münze auf zum Andenken an mich, trage
sie an einer Schnur am Halse, statt jeder andern Zierde von Edel-
gestein und Gold, die du denen überlassen magst, welche der Welt
dienen." Noch empfahl er den Eltern wachsame Sorge für ihre
Tochter, und reiste weiter. Von dieser Zeit an führte Genovefa
eine sehr strenge Lebensweise. Sie nahm in der Woche nur zwei-
mal, am Donnerstage und am Sonntage Speise zu sich, welche aus
Gerstenbrod und Bohnen bestand. Sie trank keinen Wein, und auch
kein anderes hitzendcs Getränke. Nicht lange nachher, als der hei:
lige Germanus von Nanterre abgereiset war, verlangte Genovefa an
einem Festtage mit ihrer Mutter in die Kirche zu gehen. Diese
wollte es aber nicht gestatten. Unter Thränen stellte Gcnovcfa ihr
vor, daß sie sich Gott verlobt habe, und deßwegen vom Gottes«
hause nicht entfernt bleiben dürfe. Die Mutter wurde zornig und
gab ihr eine Ohrfeige, wurde aber auf der Stelle blind. Bereits
zwei Jahre hatte sie dieses Leiden erduldet, als sie sich an das, was
der gottselige Germanus von Genovefa vorhergesagt hatte, lebhaft
erinnerte. Sie hieß die Tochter Wasser aus dem nahen Brunnen
holen. Eilend vollzog diese den Befehl, indem sie bittere Thränen
über den qualvollen Zustand der Mutter vergoß. Sie wusch einige-
Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes, Band 1
- Titel
- Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
- Untertitel
- Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes
- Band
- 1
- Autor
- Anton Mätzler
- Verlag
- Landshut Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 1840
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 9.8 x 16.9 cm
- Seiten
- 900
- Schlagwörter
- Kirche, Gott, Glaube, Religion
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen