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Am 12. November. 135
die würdevolle Gelassenheit bes heiligen Mannes überzeugte sie von
seiner Unschuld, die zu bezweifeln man sie vorher beredet hatte.
Die Gerichtsdiener ergriffen nun den frommen Dulder, und beraubten ihn
aller Kleider, bis auf einen Rock, den sie auch noch oben bis unten
auf beiden Seiten zerrissen, obgleich es sehr kalt war. Sie legten
ihm ein Halseisen an, und eine Kette um den Leib, ließen ein ent-
blößtes Schwert vor ihm, wie vor einem zum Tode verurthciltcn
Menschen, hertragen, und schleppten ihn von dem Palaste mitten
durch die Stadt vor das Richthaus. Der kranke Greis litt dabei
unaussprechlich viel. Deßungcachtet leuchtete immer eine heilige Freude
aus seinem Angesichts hervor, weil er seiner Unschuld sich bewußt
war, und sich glücklich schätzte, um des Namens Jesu willen Schmach
und Mißhandlung zu erdulden.
Bei dem Richthause angelangt, wurde der heilige Martinus
mit einigen Mördern in einen finstern Kerker geworfen. Eine Stunde
später brachte man ihn in ein anderes Gefängniß, welches das Ge-
fängniß des Diomedes hieß, und in dem Richthause des Statthal-
ters war. In diesen Ort schleppte man ihn mit solcher Gewalt
fort, daß die Treppen mit seinem Blute gefärbt wurden. Mit Ket-
ten beladen, vor Frost starrend, halbtodt, wurde er auf eine Bank
hingeworfen. Zwei fromme Frauenspersonen, Mutter und Tochter,
wurden von Mitleid ergriffen; getrauten sich aber doch nicht, aus
Furcht vor dem Kerkermeister, ihm Hilfe zu leisten, obgleich sie die
Schlüssel dcs Gefängnisses in Verwahrung hatten. Als dieser auf
einige Augenblicke sich entfernte, brachte eine derselben ein Bett, legte
ihn darein, und deckte ihn zu, damit er sich wieder erwärmen möchte.
Er blieb so bis auf den Abend, ohne ein Wort zu reden. Abends
wurde ihm Speise gebracht, und Hoffnung gemacht, daß er am Le-
ben bleiben werde. Darüber ward aber der Kämpfer Christi mehr
betrübt, als erfreut, weil er sich sehnte nach der Krone der Märty-
rer. Bald nachher wurden ihm die Ketten abgenommen. Um diese
Zeit erkrankte der Patriarch Paulus. Der Kaiser besuchte ihn, und
erzählte ihm, was mit dem Papste geschehen sey. Paulus seufzte,
wandte sein Angesicht der Mauer zu, und sprach: „Ach, wie elend
bin ich! Muß auch dadurch das Maaß meiner Sünden erfüllt, und
meine Verdammung vergrößert werden!" Erstaunt fragte ihn der
Kaiser, warum er so rede? „Wie," erwiederte der Patriarch, „ist
es nicht beklagenswürdig, den römischen Papst auf solche Art zu be-
handeln?" und bat den Kaiser dringend, von fernerer Mißhandlung
desselben abzustehen. Der nahe Tod schreckte das Gewissen des un-
glücklichen Patriarchen auf, und ließ ihn einse^-n das Unrecht, das
dem Papste, zum Theile auch auf seine Veranlassung, angethan
wurde, und desselben Unschuld. Paulus starb nach acht Tagen.
Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes, Band 2
- Titel
- Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
- Untertitel
- Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes
- Band
- 2
- Autor
- Anton Mätzler
- Verlag
- Landshut Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 1840
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 9.8 x 16.9 cm
- Seiten
- 982
- Schlagwörter
- Kirche, Gott, Glaube, Religion
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen