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Am 28. November. 193
verwandelte sich in ein ängstliches Jammergeschrei. Sie entflohen,
um sich, wo sie immer konnten, zu verbergen. Die Vorsteherin des
Klosters allein behielt standhasten Muth, trat unerschrocken vor den
Statthalter hin, und fragte ihn, warum er die Wohnung des Frie-
dens beunruhige? Dieser eröffnete den Befehl des Kaisers. Die
Vorsteherin berief die Anna zu sich, und befahl ihr, eingedenk der
Worte Petri: „Seyd den Herren, nicht allein den guten und billi-
gen, sondern auch den bösen mit aller Furcht unterthanig," begleitet
von einer der Mitschwestern, zum Kaiser zu gehen. „Geht zu dem
Kaiser, meine Töchter!" sagte sie, „und gebt ihm weise Antwort.
Geht, geht im Frieden! Der Herr sey mit euch!" Sie gingen,
nachdem sie durch inbrünstiges Gebeth dem Herrn sich empfohlen,
und von der Vorsteherin den Segen empfangen hatten, vertrauend
auf Gott und auf ihre Unschuld, mit dem Statthalter und seinen
Kriegern ab.
Als sie im Lager angekommen waren, ließ der Kaiser sie von
einander absondern, dann die Anna sich vorstellen, der er die ver-
läumderische Beschuldigung als ausgemachte Thatsache vorhielt, und
sie befragte, welcher Kunstgriffe der Abt Stephanus sich bedient habe,
sie zu bewegen, ihren zeitlichen Wohlstand zu verlassen, und dieses
Kleid der Finsterniß (so nannte er der schwarzen Farbe wegen das
Klostcrgcwand) anzuziehen. „Herr," erwiederte die Dienerin Gottes,
„siehe, mein Leib ist in deiner Gewalt. Quäle denselben durch Mes-
ser und Feuer, todte ihn, und du wirst doch nichts anders von der
Anna, als die reine Wahrheit hören: daß nämlich dieser Mann, der
Abt Stephanus, ein heiliger Mann sey, und mich zum Seelenheil
geführt habe." Der Kaiser ward betroffen d-!rch diese Rede, biß
sich, wie er's immer zu thun pflegte, an den Fingern, und befahl,
die Anna sorgfältig zu bewachen. Die Gefährtin derselben durfte
in's Kloster zurückkehren, wo sie, was vorgegangen sey, erzählte.
Auch der Abt Stephanus ward davon unterrichtet.
Der Kaiser kehrte aus dem Lager bald nach Konstantinopel zu-
rück. Dahin wurde auch die Anna gebracht, und mit Fesseln bela-
den in ein dunkles Gefängniß eingesperrt. Eines Abends kam ein
Abgeordneter des Kaisers zu ihr, der ihr anzeigte, daß sie am an-
dern Tage würde verhört werden, und sie erinnerte, den schändlichen
Umgang mit Stephanus, den auch ihre Magd bezeugen werde, frei-
willig einzugestehcn. Anna seufzte, und fertigte den Höfling mit
der kurzen Antwort ab: „Geh', Freund! geh', es geschehe der Wille
des Herrn!" Des andern Tages ward eine große Menge Volkes
versammelt, die Anna in Gegenwart desselben dem Kaiser vorgestellt,
der aus einen Bündel Ruthen hinzcigte, und zu ihr sprach: „Mit
diesen wird dein Leib zerfleischt werden, wenn du nicht deinen schäm-
Zweiter Vand, 13
Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes, Band 2
- Titel
- Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
- Untertitel
- Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes
- Band
- 2
- Autor
- Anton Mätzler
- Verlag
- Landshut Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 1840
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 9.8 x 16.9 cm
- Seiten
- 982
- Schlagwörter
- Kirche, Gott, Glaube, Religion
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen