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Am i«. Mai. 59!
dem höhcrn Willen, als die Königin Johanna, eine bayerische Prin-
zessin, ihn zu ihrem Beichtvater, und, in Uebereinstimmung mit dem
Könige, zum königlichen Almosengcber erwählte.
König Wenzeslaus, welcher schon in seinen frühern Jahren nur
geringe Hoffnung gab, daß er in die Fußstapfen seines großen Va-
ters, Kaisers Karl IV. eintreten werde, vereitelte jede Erwartung,
nachdem er die Zügel der Regierung ergriffen hatte. Unbekümmert
um das Wohl von Land und Leuten, diente er nur seinem Bauche,
und ward ein ausschweifender Fürst, indem er sich den gräulichsten
Lastern, der Wollust, der Trunkenheit ?c. ergab, und seine Unter:
thanen mit beispielloser Wuth eines Tyrannen behandelte. Die
fromme Königin Johanna gab sich zwar alle Mühe, durch Ermah-
nungen und Bitten ihn auf bessere Wege zu bringen. Allein nicht
nur vermochte sie keine Sinnesänderung, sondern vielmehr hatte sie
selbst von der rohen Gemüthsart ihres Gemahls unzählige Leiden
zu erdulden. In dieser traurigen Lage blieb der gottesfürchtigen
Fürstin nichts übrig, als sich mit Gebeth und Thränen an Gott zu
wenden, und jenen Trost zu suchen, welchen die Religion jeder be-
trübten Seele darbietet. Sie beichtete daher oft mit gerührtem
Herben, und indem sie dem Johannes die innersten Anliegen und
Nöüien entdeckte, fand sie in dem heiligen Bußgericht?, was sie nir-
gends in der Welt finden konnte: „Rath, Belehrung, Trost und
höhere Stärkung, um das schwere Kreuz, welches auf ihr lag, ge-
duldig zu ertragen.^ Allein aus den öfter» wiederholten Beichten
schöpfte der gottlose König den unseligen Verdacht, seine fromme
Gemahlin möchte eben so untreu gegen ihn seyn, als er gegen sie
war. Wer selbst böse ist, denkt fast immer auch Böses von An-
der». Der schlimme Argwohn brachte den Wenzeslaus so weit, daß
er sich nicht scheute, den Johannes vor sich zu berufen, und von
ihm zu verlangen, daß er ihm, was die Königin beichte, entdecken
solle. Er versprach ihm Ehren- und Gnadenbezeugungen, wenn er
diesem Verlangen willfahren würde. Johannes, entrüstet über den
Frevel eines solchen Begehrens, verdammend den verdammenswür-
digsten Vorwitz, verachtend der Versprechungen Glanz, und nur hin-
sehend auf Gott und seine Pflicht, sagte mit festem Muthe zum
Könige: .,Lieber tausendmal sterben, als thun, was du begehrst!"
Eine so unerschrockene und bestimmte Antwort hatte der König viel-
leicht mcht erwartet; ftin Gemüth entbrannte daher in heftigem
Zorne, dl'n er aber für oießmal unterdrückte, weil er eine andere
Gelegenheit zur Rache abwarten wollte. Als nicht lange hernach
m> Kapaun, der nicht gut gebraten war, auf die königliche Tafel
gebracht wurde, verging sich der Tyrann in seiner wüthenden Grau?
samkeit so weit, daß er befahl, den Kvch, zur Straft für dieses
Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes, Band 2
- Titel
- Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
- Untertitel
- Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes
- Band
- 2
- Autor
- Anton Mätzler
- Verlag
- Landshut Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 1840
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 9.8 x 16.9 cm
- Seiten
- 982
- Schlagwörter
- Kirche, Gott, Glaube, Religion
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen