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Am 16. Mai. 593
konnte, daß er endlich doch als Opfer der Wuth des gereizten Kö-
nigs werde fallen muffen, hielt er am Sonntage vor Christi Him-
melfahrtsfest seine Abschiedspredigt, in der er dem Königreiche Böh-
men große Drangsale vorhersagte, und das Volk in besonderer Be-
geisterung in dem wahren Glauben stärkte, und zur Buße ermähnte.
Am dritten Tage darauf begab er sich nach Bunzlau in die dortige
Muttergotteskirche, welche mit vorzüglichem Vertrauen sehr häufig
besucht wurde. Da bethete er lange, und voll Inbrunst zu Gott
um Kraft zum bevorstehenden Todeskampfe. Gegen Abend kehrte er
wieder nach Prag zurück. Wenzeslaus sah ihn, als er beim Pa-
laste vorüberging; und schnell erwachte in ihm die alte Leidenschaft
mit neuer Gewalt. Sogleich ließ er den Heiligen zu sich rufen,
und sprach zu ihm: »Höre Priester! du mußt sterben, wenn du
nicht Alles entdeckest, was die Königin dir jemals gebeichtet hat.
Es ist um dich geschehen. Du bist verloren. Ich schwöre dir bei
Gott, du mußt Waffer saufen!" Durch Schweigen, und durch sein?
ernste Miene drückte Johannes seinen Abscheu gegen das Begehren
des Königs aus, der jetzt in seiner rasenden Wuth den Befehl gab,
ihn in das nächste Zimmer zu schleppen, ihn dort wohl zu verwah-
ren, bis zur anbrechenden Nacht, und dann ihn zu ersäufen. Die-
ser unmenschliche Befehl wurde vollzogen. Um Mitternacht wurde
der standhaste Kämpfer, mit auf den Rücken gebundenen Händen
und mit versperrtem Munde, in möglichster Stille auf die Brücke
der Moldau geführt, und in den Fluß gestürzt, am 29. Mai 1383.
Bald sah man — so erzählen alle Lebensbeschreibcr des Heiligen
— auf dem Waffer ein ungewöhnlich helles Licht in Gestalt vieler
funkelnder Sterne, die den heiligen Leib umgaben, und neben ihm
auf dem Fluffe umherschwammen. Alles Volk lief herbei, und ver-
wunderte sich. Bei anbrechendem Tage wurde ^ er Leichnam des
Märtyrers, im Ufersande liegend gefunden, und von den Domherren
mit großem Triumphe in die erzbischösiiche Kathedralkirche übersetzt,
wo er von dieser Stunde an durch das gläubige Vertrauen des
Volkes um Fürbitte bei Gott angerufen ward. Nach 300 Jahren
wurde der heilige Leib erhoben, und die Zunge des Märtyrers nicht
nur unverwesen, sondern auch ganz frisch und roth, wie die Zunge
eines Lebenden befunden. Dieses und vieler anderer Wunder wegrn,
welche durch Fürbitte des herrlichen Blutzeugen gewirkt wurden,
fand sich Papst Clemens XI . bewogen, ihn selig zu sprechen im
Jahre 1721. Im Jahre 1729 aber wurde er vom Papste Vene-
dikt XI I I . in die Zahl der Heiligen feierlich aufgenommen. Böh-
men wählte ihn zum besonderen Landespatron. —
Wenzeslaus wurde im Jahre 1400 der kaiserlichen Würde ent-
fetzt, und starb am 16. August 1418, in einem Anfalle von Zorn-
Zweiter B«nd. 33
Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes, Band 2
- Titel
- Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
- Untertitel
- Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes
- Band
- 2
- Autor
- Anton Mätzler
- Verlag
- Landshut Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 1840
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 9.8 x 16.9 cm
- Seiten
- 982
- Schlagwörter
- Kirche, Gott, Glaube, Religion
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen