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6i6 Der selig? Nikolaus von der Flue, Einsiedler.
dem Boden liegend, sein Gebeth mit häufigen Thränen verrichten.
Am andern Tage gaben sie seinem Bruder, Peter von der Flue,
hicvon Nachricht. Dieser machte sich eilends auf, ihn zu suchen.
Er fand ihn an dem benannten Orte, aber ganz ausgemergelt am
Leibe mit dürren Lefzen und blassem Angesicht. Mit der wehmü:
thigstcn Rührung und Bruderliebe d^t er ,!)», wieder zu den Sei:
nen heimzukehren, auf das: er nicht von Hunger und Kalte dahin:
sterbe. Nikolaus gab mit Heiterkeit z»r Antwort: „Nein mein Bru-
der! ich werde wegen Hunger nicht sterben; denn seit eilf Tagen
habe ich weder Hunger noch Durst, noch Kälte, »och Feuchtigkeit,
noch anderc Uederlast gefühlt. So lange mich Gott so erhält, habe
ich keine Ursache, diesen Ort zu verlassen." Peter mußte allein zu:
rück. Um nicht aus eigenwilligem Eifer, sondern nach dem Rathe
weiser ehrwürdiger Männer, und im Geiste der Demuth zu Werke
zu gehen, ließ Nikolaus insgeheim einen frommen Priester zu sich
bitten, und entdeckte demselben Alles, was mit ihm vorgegangen
war. Der Priester verwunderte sich nicht wenig, und weil er, ob-
gleich einen magern dürren Leib, doch gute Kräfte, und besonders
einen frohen lebhaften Blick wahrnahm; so erkannte er die Hand
des Herrn, und rieth ihm, ohne Anstand, er solle bleiben, und sich
ferner demjenigen überlassen, der ihn bis daher so wunderbar erhal-
ten habe. — Bis an sein Lebensende genoß Nikolaus weder Trank
noch Speise, außer dem Leibe des Herrn.
Der Ort, wo Nikolaus sich jetzt aufhielt, lag den Wohnungen
seiner Landslcutc zu nahe; denn durch häufige Besuche wurde er in
seiner Andacht gestört. Er bat Gott um eine andere Wohnsiättc,
und sieh! eine wunderbare Erscheinung in Gestalt vier heller Strah:
lcn führte ihn an den Ort, wo er hernach immer blieb — in dem
Ranft, ein Bachtobel im untersten Theile des Melchthalcs. Mit'
Hilfe einiger Nachbarn machte er sich da aus Baumästcn und Rin:
den ein kleines Obdach, unter dem er ein ganzes Jahr zubrachte,
reich am Frieden Gottes, und selig in dem Gnadcnlichte der göttli:
chen Liebe. Nun entstand der Verdacht, daß Jemand ihm heimlich
Speise bringe, und seine Andacht und sein Fasten nur Verstellung
sey. Dieß bewog die Vorsteher des Landes, die ganze Gegend der
Einöde, und auch seine Wohnung mit starker Wache umgeben zu
lassen. Der Erfolg dieser Vorkehrung beschämte den Unglauben,
und drängte selbst den Hartgläubigsten die Ueberzeugung auf, daß
kcin Betrug in der Sache statt finde, und das Wunderwerk Gottes
hinlänglich bestätiget sey. Das außerordentliche Fasten des Nikolaus
wurde indessen doch auch noch von dem Bischöfe in Konstanz unter:
sucht, der seinen Weihbischof in dieser Absicht zu dem Einsiedler ab:
ordnete. D^r Weihbischof legte ihm Brod und etwas Wein vor,
Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes, Band 2
- Titel
- Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
- Untertitel
- Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes
- Band
- 2
- Autor
- Anton Mätzler
- Verlag
- Landshut Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 1840
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 9.8 x 16.9 cm
- Seiten
- 982
- Schlagwörter
- Kirche, Gott, Glaube, Religion
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen