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718 Die heilige Theresia, Jungfrau und Ordensstifterin.
ten starke Verweise, und der Bruder schob die ganze Schuld auf die
Schwester.
Als sie ihren Entschluß vereitelt sahen, nahmen sie sich vor,
dem Einsiedlerleben sich zu widmen. Sie mühetcn sich, in ihrem
Garten eine kleine Einsiedelei zu baue»; reimte» aber damit nicht
zu Stande kommen, weil die auf einander gelegten Steine immer
zusammenfielen.
Von Jugend auf hatte Theresia so große Freude am Gebethe,
daß sie immer die Einsamkeit aufsuchte, um demselben desto unge-
stö'rter obliegen zu können. Oft rief sie da, von Andacht begeistert
aus: „O Ewigkeit, o Ewigkeit!" Vielfältig warf sie zärtliche
Blicke auf ein im Zimmer hangendes Gemälde, welches den göttli-
chen Heiland im Gespräche mit der Samariter!» darstellte, und
seufzte aus der Tiefe ihres Herzens: „O Herr, gib mir von diesem
Waffer!" Großes Vergnügen machte es ihrem edlen Gemüthe, den
Armen , so viel es ihre Kräfte gestattete» , beispringen zu kö»»e».
»Ich gab Almosen," sagte sie, „so viel ich konnte; aber mein Ver-
mögen war sehr gering." Auch sonst übte sie alle Werke eines mit-
leidigen , und an fremdem Unglücke theilnehmenden Herzens. Un-
glücklicher Weise gerieth sie auf das Lesen der Romane (Ritter- und
Liebcsgeschichten), zum Theile verleitet durch das Beispiel ihrer sonst
so fromme» Mutter, die, wie Theresia selbst sagt, durch dieselbe»
vielleicht ihre fortwährend körperlichen Leiden auf einige Zeit verges-
sen, oder ihre Kinder bei sich behalten wollte, aus daß sie nicht in
gefährliche Gesellschaften, oder sonstige Gefahren gerathen möchten.
Diese herzlosen Lesereien und die Unterhaltungen mit einigen Vet-
tern , die mit ihr gleichen Alters waren, erregten bei ihr Eitelkeit
und Gefallsucht, und nur ihr natürlicher Abscheu vor unanständigen
Dingen hielt sie von Allem zurück, was ihrem guten Namen hätte
einen Abtrag thun können. Indessen liebte sie doch zu sehr die un-
terhaltende Gesellschaft, und ward lau in ihren Andachtsübungen.
Sie sagt selbst: „Es ist wahr, daß man durch nicht gehörige Vermei-
dung der Gelegenheiten sich der Gefahr aussetzt, seine Unschuld zu
verlieren, und beinahe hätte ich hierin Schiffbruch gelitten. Zum
Glücke aber hat Gott durch seine Güte mich dagegen verwahrt, wie:
wohl indessen mein Betragen nicht so geheim bleiben konnte, daß
mein Vater nicht deßhalb einigen Verdacht geschöpft hätte." Der
Vater bemerkte wirklich die Abnahme ihrer Frömmigkeit, und daß
dieselbe von der engen Verbindung seiner Tochter mit einer jungen
Base vorzüglich herrühre. Er wollte aber, um jegliches Aufsehen
zu vermeiden, nicht auf einmal abbrechen. Er benutzte dazu die
Verehelichung seiner ältesten Tochter, und that Theresia in das Au-
gustiner-Nonnenkloster zu Avila, unter dem Vorwande, sie in ihrem
Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes, Band 2
- Titel
- Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
- Untertitel
- Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes
- Band
- 2
- Autor
- Anton Mätzler
- Verlag
- Landshut Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 1840
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 9.8 x 16.9 cm
- Seiten
- 982
- Schlagwörter
- Kirche, Gott, Glaube, Religion
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen