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Christian Feichtinger | Reinheit und fundamentalistische Gefährdung
im Deutschen mit ‚Abscheu‘ besser wiedergegeben wird, während core und
animal-nature disgust wohl eher mit ‚Ekel‘ zu übersetzen wären.
Ekel ist eine äußerst komplexe Emotion und kann als eine Art Warn- bzw.
Abwehrsystem des Körpers gegen potenziell schädliche Substanzen ver-
standen werden, etwa durch Erbrechen. Ekel ist mit dem parasympathi-
schen und enterischen Nervensystem verbunden, speziell mit verlangsam-
tem Herzschlag und dem Empfinden von Übelkeit, und von kürzerer Dauer
als andere negativ erlebte Emotionen, wie etwa Zorn. Ekel ist eine angebo-
rene Fähigkeit des Menschen, die jedoch zugleich in höchstem Maße kultu-
rell beeinflusst ist. Als eine Art Immunsystem des Verhaltens richtet er sich
gegen bestimmte Substanzen, Tiere, Aspekte des menschlichen Körpers
sowie Gerüche (vgl. Rozin/Haidt/McCauley 2008). Ekel / Abscheu dient
dazu, den Körper vor Substanzen zu schützen, die als gefährdend, unrein
oder ansteckend gelten; diese Reaktion ist im Menschen evolutionsbio-
logisch angelegt, wird jedoch je nach kulturellem Kontext unterschiedlich
ausgeprägt und auf unterschiedliche Objekte bezogen. Das Zusammenwir-
ken von Kultur und Natur ist daher weitaus komplexer, als Douglas ange-
nommen hatte, und die biologischen Veranlagungen weisen auch auf eine
Universalität von Reinheitsvorstellungen hin, etwas, wovon Douglas nicht
ausgegangen ist (vgl. Duschinsky 2016, 6–8).
Menschen bezeichnen aber auch Handlungen, Vorstellungen, Ideen und
Aussagen als ‚ekelhaft‘, ‚abscheulich‘ oder ‚widerwärtig‘, und in der Folge
auch deren Urheber:innen; oder aber Menschengruppen werden als wider-
lich oder ‚schmutzig‘ empfundene Handlungen zugesprochen und dadurch
werden sie selbst als widerwärtig markiert.7 Dies trifft vor allem dann zu,
wenn diese Handlungen als gravierende, bedrohliche Verstöße gegen das
eigene Ordnungssystem wahrgenommen werden. Das ‚Abscheuliche‘ einer
Tat oder eines Gedankens wird auf dessen Urheber:innen übertragen, die
man als ‚widerwärtig‘ bezeichnet und die besonderer Ächtung, im Extrem-
fall sogar einer Dehumanisierung, ausgesetzt sind. Abscheu wird auf diese
Weise auch zu einer sozialen Emotion: Dies trifft vor allem dann zu, wenn
das die Ordnung bedrohende Verhalten als moralisch niedrig gilt. Nick
Haslam hat in seiner Studie zu Dehumanisierung gezeigt, dass Menschen
emotional unterschiedlich auf Bedrohungen ihrer Ordnung reagieren: Die
Reaktion auf als ebenbürtig und konkurrierend angesehene Menschen und
deren Handlungen ist von Furcht und Zorn begleitet, dagegen geht die
Ekel oder Abscheu fungieren als eine Art Immunsystem des Verhaltens.
7 Hier werden oft materiale, inter-
personale und moralische Referen-
zen von Ekel verbunden: Einer
Gruppe, die man aus ethnischen,
religiösen oder anderen Gründen
ablehnt, werden zugleich widerwär-
tige Praktiken zugesprochen, zum
Beispiel bei Sexualität, Körperpflege
oder Ernährung; oder auch physische
und neuerdings genetische Defor-
mierungen. Sogenannte ‚Phobien‘
sind daher oft nicht Ängste, sondern
Empfindungen von Abscheu.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 4:1
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 4:1
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 224
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven