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Larissza Hrotkó | Durchbruch des Fundamentalismus? Eine neues Gesicht der Orthodoxie im Judentum Ungarns
1 Einleitung
Die Postmoderne brachte der Menschheit nicht nur neue Chancen geisti-
ger Befreiung, sondern auch eine anscheinend unüberwindliche Spaltung
zwischen der Religion und der säkularen Kultur. Jürgen Habermas nannte
diese Erscheinung zwei „Lesearten“ der „postsäkularen“ Gegenwart:
„Nach der einen Leseart werden religiöse Denkweisen und Lebensfor-
men durch vernünftige, jedenfalls überlegene Äquivalente ersetzt, nach
der anderen Leseart werden die modernen Denk- und Lebensformen als
illegitim entwendete Güter diskreditiert.“ (Habermas 2001,12–13)
Die Spaltung zwischen den „Lesearten“ der Gegenwart ist meiner Ansicht
nach nicht so scharf. Häufig vermischen sie sich, doch die Beschreibung ist
treffend. Als radikalster Protest gegen den Ersatz religiöser Werte entstand
nach Habermas der Fundamentalismus:
„Trotz seiner religiösen Sprache ist der Fundamentalismus ein aus-
schließlich modernes Phänomen. An den islamischen Tätern fiel sofort
die Ungleichzeitigkeit der Motive und der Mittel auf. Darin spiegelt sich
eine Ungleichzeitigkeit von Kultur und Gesellschaft in den Heimatlän-
dern der Täter, die sich erst infolge einer beschleunigten und radikal ent-
wurzelnden Modernisierung herausgebildet hat.“ (Habermas 2001, 10)
Die „Verhärtung“ der Orthodoxie betrachtete Habermas auch als Folge der
fortwährenden Säkularisierung der Gesellschaft:
„Verhärtete Orthodoxien gibt es im Westen ebenso wie im Nahen und im
Ferneren Osten, unter Christen und Juden ebenso wie unter Moslems. Wer
einen Krieg der Kulturen vermeiden will, muss sich die unabgeschlosse-
ne Dialektik des eigenen, abendländischen Säkularisierungsprozesses in
Erinnerung rufen.“ (Habermas 2001, 11)
Der Fundamentalismus, die Orthodoxie und die Säkularisierung wurden zu
den häufigsten Themen theologischer Forschungen unserer Zeit. Der vor-
liegende Beitrag schildert, wie sich die fundamentalistischen Züge – vor
allem die Diskriminierung der Frauen im religiösen Leben – im ungari-
schen Judentum infolge des orthodoxen Einflusses immer deutlicher ab-
zeichnen, auch wenn die neue jüdische Orthodoxie (im Folgenden „Neo-
Zwei „Lesearten“ der Gegenwart
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 4:1
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 4:1
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 224
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven