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Larissza Hrotkó | Durchbruch des Fundamentalismus? Eine neues Gesicht der Orthodoxie im Judentum Ungarns
Orthodoxie“ genannt) in der Öffentlichkeit nicht so aggressiv auftritt, wie
die Haredim (die Ultraorthodoxen).
Die Haredim charakterisiert die absolute Befolgung der schriftlichen und
mündlichen Tora, dabei bestimmt die Halacha (der Gesamtcorpus des reli-
giösen Gesetzes) alle Aspekte ihres Lebens. Doch wollen viele Haredim die
religiösen Vorschriften, wie z. B. die Trennung der Geschlechter, die in Israel
im öffentlichen Umgang illegal ist, auch im nicht-religiösen Leben geltend
machen. So berichtete The Guardian am 22. Juni 2017 über das Erlebnis der
82-jährigen Jüdin Renee Rabinowitz, die sich im Flugzeug umsetzen soll-
te, weil ein ultraorthodoxer Passagier nicht neben einer Frau sitzen woll-
te (vgl. Beaumont 2017). Frau Rabinowitz war zuerst wie gelähmt, deshalb
verklagte sie die israelische Fluggesellschaft erst später. Das Gericht gab
ihr Recht. Dieses Urteil sollte als Signal des wachsenden Protestes gegen
frauenfeindliches Verhalten der Ultraorthodoxie in Israel gelten. „Denn
dort versuchen Ultra-Orthodoxe schon lange, die Geschlechter-Apartheid
durchzusetzen.“ (emma.de 2017). Die strenge Geschlechtertrennung wird
von den Ultraorthodoxen auf die religiösen Vorschriften zurückgeführt, die
ihrer Meinung nach überall in Israel eingeführt werden sollten: „Wenn wir
könnten, würden wir durchsetzen, dass das Land Israel nach der Thora ge-
führt wird, nach dem jüdischen Gesetz.“ (Lell 2019)
Die Ablehnung der zivilen Kultur und der säkularen Gesetze wird auch von
den jüdischen Religionsforscher*innen als fundamentalistisch bezeichnet,
während die protestantische Definition des Fundamentalismus als „das
Wörtlichnehmen einer heiligen Schrift“ für das Judentum schwierig ein-
zusetzen ist. Denn individuelle Auslegungen sind im Judentum nicht nur
zugelassen, sondern bilden einen wichtigen Teil der obligatorischen Be-
schäftigung mit der Tora (vgl. Schöne 2017).
Die Soziologin und Anthropologin Nurit Stadler betrachtet den Fundamen-
talismus unter dem Blickpunkt des individuellen Verhaltens. Für sie ist der
Fundamentalismus ein Strategiepaket für die Rechtfertigung religiöser
Identität in der modernen Kultur (vgl. Stadler 2005, 216–217). Fundamen-
talist*innen interpretieren den Glauben als eine kontinuierliche religiöse
Überlieferung. Sich selbst halten sie für ‚authentische Performer*innen‘
des Glaubens von heute und ‚wahre Beschützer*innen‘ der göttlichen Of-
fenbarung (vgl. Stadler 2005, 217).
Fundamentalismus als Strategiepaket für die Rechtfertigung
religiöser Identität in der modernen Kultur
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 4:1
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 4:1
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 224
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven