Seite - 183 - in Limina - Grazer theologische Perspektiven, Band 4:1
Bild der Seite - 183 -
Text der Seite - 183 -
183 | www.limina-graz.eu
Larissza Hrotkó | Durchbruch des Fundamentalismus? Eine neues Gesicht der Orthodoxie im Judentum Ungarns
Vor 1868 war die jüdische Bevölkerung Ungarns in Bezug auf Herkunft,
Lebensweise und religiöse Ausrichtung vielfältig, ohne dass Anstoß da-
ran genommen wurde. Die meisten Jüdinnen und Juden in Budapest und
in größeren Städten konnten sehr gut Ungarisch, hatten eine gute welt-
liche Ausbildung und waren in den elitären Kreisen des städtischen Bür-
gertums zahlreich vertreten. Davon zeugt etwa die Biographie des ersten
jüdischen Parlamentsabgeordneten Moritz Wahrmann (vgl. Büchler 1893,
7–15). Wahrmann, ein Enkel des ersten Rabbiners von Pest (einem Teil des
heutigen Budapest), zeichnete strenge Religiosität aus, er studierte den
Talmud und kannte jüdische Literatur. Die damaligen ‚deutschen Reform-
Lehren‘ lehnte Wahrmann zwar ab, jedoch war er eher liberal im Umgang
und strebte nach einer friedlichen Lösung religiöser Konflikte (vgl. Büchler
1983, 9). Aus dieser Ausprägung des Judentums bildete sich die sogenannte
Neologie Ungarns, bis heute die größte jüdische Gemeinschaft des Landes.
Die sich seit 1868 als autonome Orthodoxie Ungarns identifizierenden jü-
dischen Religionsgemeinschaften galten vor dem Zweiten Weltkrieg als
ein bedeutender Faktor im jüdischen Leben. Vor allem war die Orthodo-
xie auf dem Land vertreten. Die Ermordung von über 400.000 ungarischen
Jüd*innen innerhalb weniger Monate im Jahr 1944 hat die ländliche jüdi-
sche Bevölkerung und damit die traditionelle jüdische Orthodoxie fast völ-
lig vernichtet.
Seit Gründung ihrer Gemeinschaft lebten die Orthodoxen Ungarns übrigens
abgeschlossener als die Neologen. Sie wurden von den Anhänger*innen der
Neologie aufgrund ihres Mangels an ‚europäischer Ausbildung‘ kritisiert
(vgl. Kovács 1893, 616). Die Orthodoxen wiederum kritisierten die Neolo-
gen aufgrund deren mangelnder Kenntnisse des Talmud (vgl. Zsidó Újság
[Jüdische Zeitung] 1925b). Vor 1945 zeigte sich auch die Orthodoxie un-
einheitlich: Eini
ge Gemeinschaften standen der chassidischen Bewegung
nahe, andere näherten sich sogar der Neologie an. 1925 wurden erste Ver-
suche einer Zentralisierung unternommen, die jedoch nicht sehr erfolg-
reich waren (vgl. Zsidó Újság 1925a).
Nach der Schoa wollten ungarische Jüd*innen ihre Werte in der Gesell-
schaft stärker bemerkbar und einflussreicher machen. Dieser Wunsch
konnte sich erst nach der politisch-wirtschaftlichen Wende 1989 erfüllen.
Die 1991 gegründete jüdische Schirmorganisation Mazsihisz (Union der jü-
Die Neologie Ungarns ist bis heute die größte
jüdische Gemeinschaft des Landes.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 4:1
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 4:1
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 224
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven