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Larissza Hrotkó | Durchbruch des Fundamentalismus? Eine neues Gesicht der Orthodoxie im Judentum Ungarns
gewohnt, die religiöse Lehre im Erwachsenenalter zu vertiefen bzw. sich
mit der Tora zu beschäftigen. Nach dem schulischen Religionsunterricht
wählen die meisten Jüd*innen weltliche Beschäftigungen oder Berufe und
besuchen die Synagogen lediglich am Kabalat Schabbat (Schabbat-Emp-
fang am Freitagabend), zu den religiösen Festen und zu familiären Feier-
lichkeiten wie z. B. der Bar Mizwa oder der Bat Mizwa (Feier der religiösen
Mündigkeit für die Jungen bzw. Mädchen).
Bei Chabad wird von den Jüdinnen keine eigene religiöse Aktivität in der
Synagoge verlangt. Die Frauen sollen gute (d. h. kinderreiche) Familien-
mütter sein, Wohltätigkeit ausüben, formale Vorschriften beachten und
Zufriedenheit ausstrahlen. Für viele ungarische Jüdinnen ist diese Art der
synagogalen Präsenz gewohnter und bequemer.
Der erste Abgesandte von Chabad Lubawitsch, einer chassidischen Bewe-
gung dynastischen Charakters, kam zur Zeit der politisch-wirtschaftlichen
Wende 1989/90 nach Ungarn.2 Die Gemeinschaft, die von im Gefolge die-
ses Abgesandten aus den USA eingewanderten Jud*innen gemeinsam mit
einigen heimischen Gleichgesinnten organisiert wurde, behauptete sich
von Anfang an als authentische Nachfolgerin der traditionellen ungari-
schen Orthodoxie, welche solcherart für quasi nicht-existierend erklärt
wurde. Die neue orthodoxe Gemeinschaft (Neo-Orthodoxie) begleitet ihre
Aktivitäten mit modernen Mitteln der Kommunikation und Propaganda.
Die Presse liebt die neo-orthodoxen Jüd*innen, weil sie auf den Fotos so
‚echt jüdisch‘ aussehen. Die Tätigkeit der Neo-Orthodoxie im öffentlichen
Leben Ungarns ist auch mit der regierenden rechtskonservativen Politik
verflochten. Nicht nur Benjamin Netanjahu, Wladimir Putin und Donald
Trump pflegen gute Beziehungen zu Chabad Lubawitsch. Dasselbe gilt auch
für das Kabinett Viktor Orbáns.
2 „Chabad“ ist ein Akronym, zu-
sammengestellt aus drei Begriffen
(Sephirot) der Kabbala (Weisheit, Er-
kenntnis und Wissen). Die Gruppie-
rung wurde noch im späten 18. Jahr-
hundert von R. Schneur Salman von
Ljad (Scheerson) gegründet. Später
wurde sie nach Lubawitsch, einem
Ort in der Nähe von Smolensk im
äußersten Westen Russlands, be-
nannt. Heute ist der Sitz von Chabad
Lubawitsch in Brooklyn, von wo aus
Emissäre in die ganze Welt geschickt
werden. Chabad ist in über siebzig
Ländern der Welt vertreten.
Abb. 1: Ungarische und israelische Chabad-Rabbiner
mit Viktor Orbán in Budapest
Szombat.org, 2020/2
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 4:1
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 4:1
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 224
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven