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Larissza Hrotkó | Durchbruch des Fundamentalismus? Eine neues Gesicht der Orthodoxie im Judentum Ungarns
Über die Eroberung jüdischer Räume, die Gründung zahlreicher Zellen
der Bewegung sowie über verschiedene Mittel und Methoden der neo-or-
thodoxen Bestrebungen wurde in der jüdischen Presse Ungarns mehrfach
ausführlich berichtet (vgl. Magyari 2018). Aufgrund der Analyse von Details
und des Verhaltens der Anhänger*innen der Bewegung kann festgestellt
werden, dass es sich dabei um eine radikalisierte Tradition, d. h. um eine
ungarische fundamentalistische Gruppierung handelt.
Laut Magyari treten in der Chabad-Ideologie rassistische Züge zutage, die
die ungarische Gruppierung charakterisieren. Magyari beruft sich histo-
risch auf das Buch Tanja von Schneur Salman (1745–1812), das zentrale
Werk des Chabad-Chassidismus, in dem es heiße, dass die jüdische Seele
hochwertiger sei als die Seelen der Nichtjüd*innen. In Verbindung mit dem
aktuellen arabisch-israelischen Konflikt scheinen neue rassistische Theo-
rien auch unter den ungarischen Chabad-Anhänger*innen zu entstehen.
Manche von ihnen rechtfertigen z. B. die brutale Tat von Baruch Goldstein,
der im Jahr 1994 bei der Moschee in Hebron 29 Moslems ermordete (vgl.
Magyari 2018). Es sei zu befürchten – so Magyari – dass Chabad das Juden-
tum, darunter die ursprünglichen ungarischen Gemeinschaften, nach ei-
genem Bild umgestalten werde. Deutsche liberale Rabbiner äußerten übri-
gens ähnliche Befürchtungen: „Dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde
Pinneberg bereitet der wachsende Einfluss der orthodoxen Chabad-Bewe-
gung Unbehagen.“ (Schellen 2018)
Die neue Orthodoxie präsentiert sich missionarisch. Sie geht auf die Straße,
indem sie religiöse Bräuche des Judentums, wie z. B. das Anlegen von Tefil-
lin (Gebetsriemen), öffentlich macht. Das übernehmen zumeist Jeschiwa-
Studenten, die jüdisch aussehende Männer auf der Straße ansprechen und
ihnen das Tefillin-Anlegen beibringen, wenn sie es bisher noch nie gemacht
haben.
Das Missionieren der Chabad-Studenten auf der Straße kam für die ungari-
schen Jüd*innen überraschend. Als Zielgruppe gelten die Juden und Jüdin-
nen, die die religiösen Gebote nicht mehr einhalten. So werden zu Chanukka
riesige Menoras (siebenarmige Leuchter) auf den Straßen aufgestellt, was
in Ungarn zuvor nie passierte. Jüd*innen werden dazu gebracht, Mesusas
(Schriftkapseln am Türpfosten) an den Türen ihrer Häuser und Wohnun-
gen zu befestigen (vgl. 5 Mose 6,9). Die Botschaft dazu lautet, dass auch
Die neue Orthodoxie präsentiert sich missionarisch.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 4:1
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 4:1
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 224
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven