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LIMINA - Grazer theologische Perspektiven
Limina - Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
Seite - 174 -
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175 | www.limina-graz.eu Franz Winter | Hat neben Gottes Allmacht der freie Wille noch Platz? Im Grunde genommen ist es eine klassische Kompromissformel, die hier konzipiert wurde. Allerdings läuft dieses Konstrukt deutlich auf eine Be- schränkung bis de facto Annullierung eines menschlichen (freien) Willens- anteils hinaus, der eigentlich nur in einer Aneignung von etwas besteht, das schon vorgegeben ist. Diese Position hängt eng mit einer grundlegen- den Annahme zusammen, nämlich derjenigen, dass alles Geschaffene, al- les Geschehen, somit auch alles menschliche Handeln einschließlich des Handlungsvermögens, eigentlich in jedem Augenblick von Gott verursacht und hervorgebracht wird. Alles Existierende entspringt gewissermaßen einer ständigen Neuschöpfung Gottes, weshalb alles, was der Mensch als Kausalgesetze bzw. Naturgesetze wahrnimmt, eigentlich (nur) „Gewohn- heiten Gottes“ sind, die jeden Augenblick veränderbar sind. Damit ist auch jegliche Kausalverbindung, auch die zwischen menschlichem Handeln und dem Urteil Gottes beim Jüngsten Gericht, nicht zu behaupten. Deutlich wird dieser Fokus auf eine Prädestinationslehre auch in der Ha- dith-Literatur, die im 8. und 9. Jahrhundert ihre Formalisierung erfuhr und neben dem Koran zur zweiten bedeutenden Quelle der islamischen Traditi- onsbildung wurde. Eigene Kapitel über qadar als theologisches Prinzip fin- den sich in vier der sechs kanonischen Sammlungen (bei Bukhārī, Muslim, Tirmīdhī und Abū Dāwūd), die ein Plädoyer für eine prädestinarische Posi- tion erkennen lassen (Frolov 2002, 270). In der Tat gibt es keinen Hadith, der den freien Willen des Menschen besonders betonen würde.7 Deutlich entgegen tritt die Opposition der Positionierung der Mu‘taziliten auch in der Literatur der Korankommentare (tafsīr), deren orthodoxe Tradition mit aṭ-Ṭabarī (gest. 923) einsetzte. In der Interpretation einzelner zentraler Koranverse wird dabei gegen die genannten mu‘tazilitischen Positionen argumentiert (Gilliot 1990, 259–276). Das wichtigste Gegenüber der oben beschriebenen ash‘aritischen Traditi- on ist die ebenfalls äußerst einflussreiche Strömung, die auf al-Māturīdī (gest. 944) zurückgeführt wird und die sich zur zweiten großen orthodo- xen sunnitischen Schule entwickelte und vom zentralasiatischen Raum aus insbesondere für den von Turkvölkern bestimmten Islam bedeutend wur- de (und damit sowohl für das historisch bedeutsame osmanische Reich als auch für das der indischen Moghule; vgl. Bruckmayr 2009). Hier wird an die oben beschriebene Theorie von der „Aneignung“ (kasb) angeknüpft, Alles Geschehen wird eigentlich in jedem Augenblick von Gott verursacht und hervorgebracht. 7 Vgl. die dezidierte Aussage bei Wensinck 1965, 51: „Tradition has not preserved a single ḥadīth in which liberum arbitrium is advoca- ted.“ Vgl. auch Juynboll 2007, 366, über eine dem Anas ibn Mālik zuge- schriebene Überlieferung.
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Limina Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
Titel
Limina
Untertitel
Grazer theologische Perspektiven
Band
2:2
Herausgeber
Karl Franzens University Graz
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC 4.0
Abmessungen
21.4 x 30.1 cm
Seiten
267
Kategorien
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