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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
heute voll ist mit immer höher entwickelten Vorrichtungen, die in der Lage
sind, die verschiedenen verfügbaren Technologien (von der mechanischen
zur biologischen, von der finanziellen zur sanitären) zunehmend in ein
einziges, immer größeres, allgegenwärtiges und auf planetarischer Ebene
integriertes System einzugliedern. Gilbert Simondon hatte in den sechziger
Jahren von technisch-geographischen Milieus gesprochen und behauptet,
dass die Möglichkeit, uns in Raum und Zeit zu positionieren und zu han-
deln, sich mit der Wandlung des technischen Regimes verändert (Simondon
1969). Martin Heidegger (1977) benutzte bekanntlich den Begriff ‚Gestell‘,
um das menschliche Leben im Zeitalter der Technik zu interpretieren und
das Ideal einer umfassenden planetarischen Infrastruktur vorzustellen, die
das gesamte gesellschaftliche Leben stützt. In den letzten Jahrzehnten des
20. Jahrhunderts bedingen sich das ,technische System‘ und das Modell der
ökonomischen Entwicklung gegenseitig. Daraus ergibt sich eine Situation,
in der die einzelnen Vorrichtungen mit weiteren Vorrichtungen verbunden
werden und von der Menge der technischen Faktoren abhängig gemacht
werden, noch bevor sie in Beziehung mit nicht-technischen Elementen
sind und so unsere Art und Weise zu arbeiten und zu konsumieren, zu den-
ken und die Beziehungen zu leben bedingen (Ellul 1977). Dieser Zusam-
menhang strukturiert folglich die Bedingungen des alltäglichen Lebens
einer immer größeren Anzahl von Personen und trägt dazu bei, eine ge-
wisse Vorstellung von Freiheit in Richtung einer instrumentellen und in-
dividualistischen Sicht zu formen, während ihre expressive und relationale
Dimension verdunkelt wird.
Daher versucht der vorliegende Beitrag, nach einer skizzenhaften Darstel-
lung der Eigenschaften unseres gegenwärtigen technisch-ökonomischen
Systems und unter Berücksichtigung des ihm zugrundeliegenden und es
nährenden Freiheitsbegriffs, einen Weg zu umreißen, die Freiheit neu zu
denken – in Richtung einer Freiheit, die vom Produktionsparadigma ,be-
freit‘ ist und die gemäß den Koordinaten eines Paradigmas der Generati-
vität, ausgehend von einer gewissen anthropologischen Perspektive, neu
verstanden wird.
Aufstieg der gegenwärtigen technikbestimmten Wirtschaft
und Gesellschaft
Die in der Nachkriegszeit sich entfaltende Kapitalismusform beruhte auf
dem Sieg der Demokratie, dem keynesianischen Regulierungsprinzip, dem
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven