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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
fordistisch-wohlfahrtsökonomischen Kompromiss sowie dem allgemei-
nen Bildungszugang. Hierbei handelt es sich um ein Modell, das im Bereich
der sozialen Sicherheit bemerkenswerte Erfolge ermöglicht hat: beispiels-
weise eine gewisse Umverteilung des Reichtums, den Aufbau des Sozial-
staats und eine starke Wirtschaftsplanung. Allerdings musste hierfür mit
einer Stärkung der Macht des Staatsapparats innerhalb des gesellschaft-
lichen und individuellen Lebens eine massive Präsenz der Institutionen in
Kauf genommen werden. Innerhalb der verbreiteten Auffassung der Gesell-
schaft als eines integrierten und schlüssigen Ganzen (Parsons 1951) wur-
de den Institutionen de facto die Aufgabe der Sozialisation der Individuen
übertragen, wobei man das als zweckmäßig für die Gesellschaft erachtete,
da mit Blick auf die kollektiven Bedürfnisse in der persönlichen Autonomie
und in der kulturellen Heterogenität ein potenziell chaotischer
– und daher
zu kontrollierender – Faktor gesehen wurde. Gleichzeitig verstärkten die
Steigerung des Wohlstands und ein immer breiterer Zugang zum Konsum
neue individualistischere Ansprüche (Inglehart 1990): Dies bereitete den
Boden für das, was Michel Foucault (1975) als eine Revolte gegen die Dis-
ziplinargewalt der Institutionen bezeichnet hat. In der Tat bewirkte diese
Gewalt auf der subjektiven Ebene eine Krise und ferner – gegen Ende der
1960er Jahre – einen explosionsartigen Anstieg des Wunsches nach mehr
Ausdrucksmöglichkeiten seitens der Individuen, die begonnen hatten, jede
Art von gesellschaftlicher Autorität und Hierarchie im Namen der Selbst-
bestimmung und der moralischen Freiheit abzulehnen. Luc Boltanski und
Eve Chiapello (1999) definierten diese Protestbewegung als ,Künstler-
kritik‘ und stellten fest, dass die Bewegungen der sechziger Jahre, über die
künstlerischen Kreise hinaus, etwas von dem in diesen Kreisen typischen
Drängen nach Freiheit und Kreativität aufgriffen und erweiterten.
Zugleich deutete sich, über die Krise auf der subjektiven Ebene hinaus,
auch auf der strukturellen Ebene – nach Jahrzehnten ununterbrochenen
Wachstums – Anfang der 1970er Jahre eine wirtschaftliche Instabilität an,
welche die diesbezüglichen politischen Antworten immer weniger über-
zeugend erscheinen ließ. Daraus erwuchs eine Legitimitätskrise gegenüber
den Institutionen, und es folgte eine Umstrukturierung, die gleicherma-
ßen die soziokulturelle, die politische und die wirtschaftliche Ebene betraf
(Drucker 1988; Hall 1988).
Mit einer Legitimitätskrise der Institutionen erfolgte eine Umstrukturierung
der Gesellschaft auf soziokultureller, politischer und wirtschaftlicher Ebene.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven