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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
Auch der Körper ist der Logik der Fragmentierung unterworfen: Durch die
Fortschritte in der Biotechnologie wird er zu einem vollständig biotechni-
schen Faktum, zu einem Wert, der über seine eigene Grenze hinaus kapi-
talisierbar und produzierbar ist. Und in all jene Bereiche, wo der Mensch
offenkundig eines anderen Menschen bedarf, versucht die Technik, sich
ihren Weg zu bahnen. Sie ist hierzu durchaus legitimiert, zumal – wie Um-
berto Galimberti (1999) und Giorgio Agamben (2014) unterstreichen – der
aufkommende Menschentyp jener des ,Funktionsmenschen‘ ist, d.
h. eines
Menschen, der voll und ganz vom System abhängig ist, das ihn hinsichtlich
seiner Selbstverstärkung und des Versprechens unbegrenzter Freiheit in
Sicherheit wiegt.
Technikwissenschaft und technikbasierte Wirtschaft bieten sich besonders
dazu an, der Idee einer absoluten, von allem losgelösten Freiheit gerecht
zu werden, da sie das berauschende Moment des Unbegrenzten anbieten:
Indem sie einen Zustand fortwährender Mittelsteigerung auf der System-
ebene vorantreiben und indem sie auf die konstitutive Öffnung des Men-
schen für immer neue und weitergehende Möglichkeiten eingehen, bilden
sie jenen Horizont, von dem aus das Subjekt sich selbst begreift. Die Frei-
heit konfrontiert so mit dem Vermögen, zuvor undenkbare Dinge zu er-
möglichen. Dies geschieht ungeachtet der Fragmentierung und Auflösung,
die gegenüber dem ,Zugewinn‘ an Zweckfreiheit allenfalls als unwesentli-
che Nebeneffekte aufgefasst werden.
Der Punkt dabei ist, dass das schwächste Glied in diesem Vorstellungsraum
von Freiheit, also die zu überwindende Grenze, der Mensch selbst wird
(der – wie Günther Anders bereits in den 1950er Jahren anklagte – Gefahr
läuft, der ,Antiquiertheit‘ zu verfallen). Dies führt dazu, dass die beiden üb-
rigens nur scheinbar widersprüchlichen Extreme, innerhalb derer sich die
technische Gesellschaft offenbar bewegt, zum einen jenes des Unmensch-
lichen und zum anderen jenes des Übermenschlichen sind (Magatti 2018a).
Einer seits macht sich eine Wegwerflogik breit, die all jene veraltet sein
lässt, die an die etablierten Effizienzstandards nicht ausreichend angepasst
sind. Somit wächst, auch jenseits des in einer Zeit großer wirtschaftlicher
Ausdehnung paradox anmutenden globalen Anstiegs der Ungleichheiten
und der materiellen Armut, die Anzahl derer, die der Gefahr der Marginali-
sierung ausgesetzt sind, und zwar aus dem einfachen Grunde, dass sie be-
Ein ‚Funktionsmensch‘ ist voll und ganz vom System abhängig, das ihn
hinsichtlich des Versprechens unbegrenzter Freiheit in Sicherheit wiegt.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven