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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
sich auch aus unserer gegenwĂ€rtigen Situation die Gelegenheit fĂŒr einen
Versuch ergeben, die Bedingungen fĂŒr ein neues Zeitalter der Freiheit zu
erschaffen â und zwar fĂŒr ein besseres als jenes, welches wir selbst ken-
nengelernt haben.
Es geht nicht etwa darum, zurĂŒckzugehen oder von einer EinschrĂ€nkung
des Wachstums bzw. einer Begrenzung der Freiheit auszugehen. Die Auf-
gabe stellt sich, in Bezug auf die Freiheit, anspruchsvoller dar: Es gilt,
die positiven Entwicklungen der hinter uns liegenden historischen Phase
zu fördern und gleichzeitig zu versuchen, alternative Wege fĂŒr ein neues
sozio ökonomisches Entwicklungsmodell zu entwerfen, das die Bereit-
schaft mitbringt, sich von der Wirklichkeit provozieren zu lassen.
TatsĂ€chlich stĂŒtzte sich die expansive Strategie auf rein technische Er-
neuerung, auf eine Intensivierung der MobilitÀt und auf die FluiditÀt der
Beziehungen, unter Ausblendung der Natur, der Geschichte und des Ge-
sellschaftlichen. Letztere Bereiche wurden gleichsam als Ressourcenvor-
kommen betrachtet, von denen man vermeinte zehren zu können, ohne
fĂŒr ihren Bestand sorgen zu mĂŒssen und ohne in ihre Erneuerung zu in-
vestieren, um sie so schlieĂlich zu erschöpfen. Niemals so sehr wie in der
heutigen Zeit hat sich eine ganze Reihe von Wolken am Horizont zusam-
mengebraut: Das Zeitalter des ,AnthropozĂ€nâ (Stiegler 2017) â geprĂ€gt von
VerÀnderungen, die sich auf menschliche AktivitÀten infolge der modernen
industriellen und technischen Entwicklungen zurĂŒckfĂŒhren lassen â hat
Ungleichgewichte innerhalb der BiosphÀre hervorgebracht, die bedeutende
Spannungen nach sich ziehen dĂŒrften. Das angehĂ€ufte destruktive Poten-
zial ist enorm, wÀhrend sich ein seelisches Unbehagen breitmacht und Un-
gleichheit keineswegs zurĂŒckzugehen scheint.
Bei nÀherer Betrachtung wird deutlich, dass die von der Wirklichkeit ausge-
henden Anfragen mit der Fokussierung der anthropologischen Vorausset-
zungen der gesellschaftlichen Fragestellungen zu tun haben. TatsÀchlich
inspiriert sich die Gesellschaft der Individuen an einem Ich, das sich aus der
jeder intersubjektiven Bindung eigener Schuld bzw. Verpflichtung befreit
hat. Die Vorstellung der absoluten Freiheit begreift das Ich als vollkommen
losgelöst von seinem sozialen Kontext und seine Entscheidungen als unab-
hÀngig von einem Vorher oder Nachher. Die Freiheit als Besitz eines Sub-
jekts, das sich erst zu einem spÀteren Zeitpunkt auf die gesellschaftliche
Es gilt, ein neues sozioökonomisches Entwicklungsmodell zu entwerfen,
das sich von der Wirklichkeit provozieren lÀsst.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven