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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
bemüht sie sich darum, ihre eigenen Grundvoraussetzungen sicherzustel-
len. Ermöglicht wird dies nicht mit Hilfe einer Verankerung an etwas Äu-
ßerem, wie z. B. an ursprünglichen Werten oder Normen, an denen es sich
zu messen gilt, sondern vielmehr durch ihr eigenes Wesen, das relational
ist, das also die Struktur des Trägers der Freiheit, sprich: des Individuums,
widerspiegelt. Die Freiheit lässt sich neu denken, wenn man mit der Exzen-
trizität der Individuen beginnt, als Wesen, die etwas von sich selbst Ver-
schiedenem ausgesetzt und zum Wagnis fähig sind (Plessner 1964; Ricœur
1993); Individuen, die der Welt eine Form geben und somit einer Zeit, einer
Geschichte, einem Kontext, einem Du entsprechen können.
Und es liegen eigentlich keine gegenteiligen Fakten vor: Die Freiheit entwi-
ckelt sich in einem konkreten Raum und in Ausrichtung auf ein ,Objekt‘ (sei
es ein materielles Ding, die Geschichte, die Welt, das andere Du) – jenen
„Gegenwurf“ (Simmel, GSG 4, 142), ohne dessen Reibung sie sich selbst
verlieren würde und in ihrem auflösenden Drang beschlossen bliebe, dar-
in, sich zu verflüchtigen „wie ein transitives Verbum ohne Objekt“ (GSG 4,
236).
Die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit bringt eine zweifache Bewe-
gung mit sich:
̟ Auf der einen Seite geht es darum zu erkennen, dass wir in einem
gesellschaftlichen Kontext leben, der so stark ist, dass er das Auf-
kommen des Menschlichen, und somit der Freiheit, außerhalb
eines technischen Plans schwierig macht. In diesem Rahmen tut sie
sich schwer, die relationale Struktur und die menschliche Fähigkeit
zum Ausdruck zu bringen, Sphären zusammenzubinden, die ge-
trennt wurden, und sich, auf der Grundlage von Fragen nach dem
Sinn, von der vorherrschenden Rationalisierung zu distanzieren.
̟ Auf der anderen Seite geht es darum, der Wirklichkeit wieder ihre
Konkretheit zuzugestehen und sich ihrer anzunehmen, wobei
Letztere nicht einfach als Barriere für die Entfaltung des Ichs ange-
sehen wird, sondern als eine Form, ohne welche die Freiheit selbst
abstrakt wird. Es geht hier um eine Wirklichkeit als existentielle
Ordnung, die größer ist als das Ich, also zuallererst die Wirklichkeit
des Lebens, von dem die menschliche Existenz (und das personale
Ich) mit allem, was sie hervorbringt, ein Ausdruck ist.
Freiheit entwickelt sich in einem konkreten Raum
und in Ausrichtung auf ein ‚Objekt‘.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven