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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
Das bedeutet, dass die Freiheit, um sich positiv ausdrücken zu können, das
Risiko der Beziehung zu einer Wirklichkeit hinnehmen muss, die nicht als
aufzuhebende Grenze zu betrachten ist, sondern als Umgebung, innerhalb
der die Beziehung zu verwirklichen ist, die die Freiheit selbst strukturiert,
angefangen bei dem konstitutiv relationalen Gegebenen, das seinerseits
das Individuum kennzeichnet.
Folglich könnte man die Freiheit als das denken, was die Wirklichkeit
eigent lich beseelt. So verstanden bildet sie den Ursprung des Wunders der
vielfältigen Formen des menschlichen Lebens. Dabei ist nicht zu überse-
hen, dass der freie Mensch, der irgendetwas, das über ihn hinausweist, eine
Form gibt, zugleich dazu neigt, die gesetzten Formen im Namen derselben
Freiheit zu überwinden.
Freiheit als Neuzusammensetzung zwischen Ich und Welt
Die Freiheit, verstanden als relationale Erfahrung, ist ein Dialog, der das
Subjekt und zugleich die Wirklichkeit verändert. Dieser Aspekt lässt sich
schwer innerhalb des Vorstellungsraums fassen, der seit der Moderne die
Souveränität des Ichs unterstreicht. Deshalb erforscht Simmel, um die
Freiheit zu behandeln, die Sichtweise des Menschen, der sie stützt.
Bei einer kritischen Wiederbetrachtung sowohl der modernen Philosophie
als auch der in der Moderne aufkommenden Formen des Individualismus
hebt er hervor, wie diese Entwicklungen den Dualismus zwischen der indi-
viduellen Dimension und derjenigen der Sozialität verstärkten. Und er un-
terstreicht die Tatsache, dass das Individuum keine selbstgenügsame To-
talität ist und nicht in einem leeren Raum agiert. Die Freiheit bestätigt dies:
Sie hängt mit der Färbung zusammen, die sie der Existenz hinsichtlich
ihres Sich-Eingliederns in eine Umgebung verleiht. Tatsächlich besteht
Simmels Vorschlag darin, das Individuum und das Soziale nicht als Wirk-
lichkeiten anzusehen, die einander vorgängig, nachfolgend, eingeschlos-
sen oder untergeordnet wären, sondern vielmehr als gleichursprüngliche
Wirklichkeiten. In diesem Sinne hält Simmel fest: „das Individuum ist der
ganze Mensch, nicht der Rest, der bleibt, wenn man von diesem das mit
andern Geteilte abzieht“ (GSG 12, 463). Das Individuum ist das „Gesammt-
Man könnte die Freiheit als das denken,
was die Wirklichkeit eigentlich beseelt.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven