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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
1. Zur Welt bringen
In der Bewegung des Etwas-Neues-ins-Leben-Rufens entfernt sich
die Freiheit von der vereinheitlichenden Praxis und geht weit über
die Entscheidung zwischen zwei gegebenen Alternativen hinaus (sie
übertrifft bei weitem die Gefahr, sich nicht zu entscheiden). Dies
wird zur menschlichen Fähigkeit, einen neuen Weg einzuschlagen,
den es andernfalls nicht gegeben hätte, und verhindert, dass die
Wirklichkeit lediglich auf ein unbestimmtes Fließen, auf ein bloßes
Sich-Wiederholen reduziert wird. Etwas anzufangen erlaubt es, der
Welt eine Form zu geben und/oder sie zu verändern: Auf diese Weise
realisiert auch das Individuum jenes Gestalt-Annehmen, das es cha-
rakterisiert (Pareyson 1995, 2002).
Das generative Handeln kann die Antwort auf eine Herausforderung
sein, auf ein unerwartetes Ereignis oder ein zu entwickelndes Erbe,
aber auch auf ein Trauma oder eine Situation, die eine sozial rele-
vante Angelegenheit ans Licht bringt.
Arendt (1958) geht noch einen Schritt weiter, indem sie Freiheit mit
Natalität verbindet: Freiheit, die anfängt, ist zur Neuheit fähig, und
zwar nicht so sehr aufgrund der technischen Kompetenz des sozi-
alen Akteurs hinsichtlich der verschiedenen Situationen, sondern
weil sie reflektiert und das Gedächtnis jener ursprünglichen Neuheit
ist, deren Symbol jede/r allein dadurch ist, dass er/sie geboren wur-
de: Wir wurden ,geboren, um etwas Neues anzufangen‘, um eine un-
erwartete und originelle Antwort auf die Ereignisse der Geschichte
zu liefern.
Die Freiheit realisiert also das, was sich in der Geburt schon ankün-
digt: die Bewegung des Herausgehens aus einem Raum, in dem man
,drinnen‘ lebt, um auf ein ,draußen‘ zuzugehen, entsprechend der
Dynamik, die dem Leben eigen ist. In Bezug auf das freie Handeln
behauptet Simmel, dass es „überhaupt nicht zurück auf das Subjekt
[schlägt], sondern in der vorwärts strebenden Richtung des Lebens
als solchen läuft“ (GSG 16, 420).
Dieses Handeln kann die Form einer künstlerischen, sozialen, kul-
turellen, wirtschaftlichen oder seelischen Ausrichtung annehmen.
Darin wird das Individuum nicht als ein Wesen betrachtet, das einem
Mechanismus von Ursache und Wirkung oder der Zufälligkeit der
Wir wurden geboren, um etwas Neues anzufangen.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven