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Massimo Recalcati | Die Zerstörung des sozialen Bandes und die Hyperaktivität im Diskurs des Kapitalisten
Lacans „Diskurs des Kapitalisten“ war ein erster Versuch, die hypermo-
derne Transformation im Register des Symbolischen zu entschlüsseln, in-
dem er versuchte, die Natur des sozialen Bandes unserer Zeit zu verstehen.
Dies tat er vor dem Hintergrund der Mutation, die der Begriff der Freiheit
und deren Erfahrung erlitten haben. Letztendlich war dieser Diskurs ein
Versuch, Freiheit in einer Zeit der „Verdunstung des Vaters“ und der Auf-
lösung ödipaler Normativität zu definieren. Letztere war die symbolische
Grundlage für das Programm der modernen Zivilisation gewesen. Die all-
gemeine These aus Lacans Reflexion ist, dass sich der Diskurs des Kapi-
talisten über die Zerstörung jedweder Bindung manifestiert: ein Diskurs
also, welcher der verheerenden und nihilistischen Macht des Todestriebes
unterworfen ist.
Dieser Diskurs wird in einer berühmt gewordenen Konferenz am 12. Mai
1972 an der Università Statale di Milano beschrieben. Es ist der fünfte Dis-
kurs in der Theorie der Diskurse, die Lacan in den Jahren zuvor im Semi-
nar XVII1 entwickelt hatte. Dieser befasst sich mit der neuen Konfiguration
des kapitalistischen Regimes hinsichtlich dessen, wie es in der Anfangszeit
seines historischen Erfolgs charakterisiert worden war. Durch die Forma-
lisierung des „Diskurses des Kapitalisten“ schlägt Lacan gegenüber den
klassischen Thesen von Karl Marx und Max Weber eine Art „zweite Pha-
se“ des Kapitalismus und von dessen Ursprüngen vor. Der fünfte Diskurs
korrigiert offen die weberianischen Thesen von den ethischen Wurzeln des
Kapitalismus: Die weltanschauliche und kulturelle Grundlage für den Er-
folg des Kapitalismus liege, so Webers klassische These, in der protestan-
tischen Asketik. Nur Verzicht und Opfer würden per se die Anhäufung von
Kapital und Produktion von Profit ermöglichen. In dieser Hinsicht ist der
lacansche „Diskurs des Kapitalisten“ radikal und absichtlich antiweberia-
nisch. Er versteht Bindung und Profit nicht als Auswirkungen eines „trieb-
haften Verzichtes“, als Produkte des „Opfers“ oder als Manifestation einer
Werktugend. Der Diskurs des Kapitalisten ist ein Diskurs, welcher einseitig
die „gierige Triebfeder“ des Genießens gegen jede Form von Bindung ver-
herrlicht.
Es ist ein Diskurs, der an die Grenzen eines jeden möglichen Diskurses geht.
Denn wenn das Konzept von Diskurs – wie im Denken von Lacan – der Ver-
such ist, das soziale Band zu definieren (jeder Diskurs organisiert sich durch
Der „Diskurs des Kapitalisten“ ist ein Versuch, Freiheit
nach der Auflösung ödipaler Normativität zu definieren.
1 Die vier Diskurse sind jener des
„Herrn“, des „Hysterikers“, des
„Analytikers“ und der „Universi-
tät“. In ihnen werden Wesenszüge
sozialer Bindung durchdekliniert.
Der fünfte Diskurs hingegen unter-
sucht keine Form sozialer Bindung,
sondern deren Auflösung. Vgl. Lacan
2001.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven