Web-Books
im Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Zeitschriften
LIMINA - Grazer theologische Perspektiven
Limina - Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
Seite - 215 -
  • Benutzer
  • Version
    • Vollversion
    • Textversion
  • Sprache
    • Deutsch
    • English - Englisch

Seite - 215 - in Limina - Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2

Bild der Seite - 215 -

Bild der Seite - 215 - in Limina - Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2

Text der Seite - 215 -

216 | www.limina-graz.eu Massimo Recalcati | Die Zerstörung des sozialen Bandes und die Hyperaktivität im Diskurs des Kapitalisten Lacans „Diskurs des Kapitalisten“ war ein erster Versuch, die hypermo- derne Transformation im Register des Symbolischen zu entschlüsseln, in- dem er versuchte, die Natur des sozialen Bandes unserer Zeit zu verstehen. Dies tat er vor dem Hintergrund der Mutation, die der Begriff der Freiheit und deren Erfahrung erlitten haben. Letztendlich war dieser Diskurs ein Versuch, Freiheit in einer Zeit der „Verdunstung des Vaters“ und der Auf- lösung ödipaler Normativität zu definieren. Letztere war die symbolische Grundlage für das Programm der modernen Zivilisation gewesen. Die all- gemeine These aus Lacans Reflexion ist, dass sich der Diskurs des Kapi- talisten über die Zerstörung jedweder Bindung manifestiert: ein Diskurs also, welcher der verheerenden und nihilistischen Macht des Todestriebes unterworfen ist. Dieser Diskurs wird in einer berühmt gewordenen Konferenz am 12. Mai 1972 an der Università Statale di Milano beschrieben. Es ist der fünfte Dis- kurs in der Theorie der Diskurse, die Lacan in den Jahren zuvor im Semi- nar XVII1 entwickelt hatte. Dieser befasst sich mit der neuen Konfiguration des kapitalistischen Regimes hinsichtlich dessen, wie es in der Anfangszeit seines historischen Erfolgs charakterisiert worden war. Durch die Forma- lisierung des „Diskurses des Kapitalisten“ schlägt Lacan gegenüber den klassischen Thesen von Karl Marx und Max Weber eine Art „zweite Pha- se“ des Kapitalismus und von dessen Ursprüngen vor. Der fünfte Diskurs korrigiert offen die weberianischen Thesen von den ethischen Wurzeln des Kapitalismus: Die weltanschauliche und kulturelle Grundlage für den Er- folg des Kapitalismus liege, so Webers klassische These, in der protestan- tischen Asketik. Nur Verzicht und Opfer würden per se die Anhäufung von Kapital und Produktion von Profit ermöglichen. In dieser Hinsicht ist der lacansche „Diskurs des Kapitalisten“ radikal und absichtlich antiweberia- nisch. Er versteht Bindung und Profit nicht als Auswirkungen eines „trieb- haften Verzichtes“, als Produkte des „Opfers“ oder als Manifestation einer Werktugend. Der Diskurs des Kapitalisten ist ein Diskurs, welcher einseitig die „gierige Triebfeder“ des Genießens gegen jede Form von Bindung ver- herrlicht. Es ist ein Diskurs, der an die Grenzen eines jeden möglichen Diskurses geht. Denn wenn das Konzept von Diskurs – wie im Denken von Lacan – der Ver- such ist, das soziale Band zu definieren (jeder Diskurs organisiert sich durch Der „Diskurs des Kapitalisten“ ist ein Versuch, Freiheit nach der Auflösung ödipaler Normativität zu definieren. 1 Die vier Diskurse sind jener des „Herrn“, des „Hysterikers“, des „Analytikers“ und der „Universi- tät“. In ihnen werden Wesenszüge sozialer Bindung durchdekliniert. Der fünfte Diskurs hingegen unter- sucht keine Form sozialer Bindung, sondern deren Auflösung. Vgl. Lacan 2001.
zurück zum  Buch Limina - Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2"
Limina Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
Titel
Limina
Untertitel
Grazer theologische Perspektiven
Band
2:2
Herausgeber
Karl Franzens University Graz
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC 4.0
Abmessungen
21.4 x 30.1 cm
Seiten
267
Kategorien
Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven
Web-Books
Bibliothek
Datenschutz
Impressum
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Limina