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Massimo Recalcati | Die Zerstörung des sozialen Bandes und die Hyperaktivität im Diskurs des Kapitalisten
die signifikante Hemmung des rastlosen Dranges triebhaften Genießens, um die
Zivilisierung der Bindungen zu ermöglichen, die die Menschen einen), tendiert
hingegen jener des Kapitalisten dazu, jede diskursive Form zu zersetzen. Er
tut dies, indem er das Subjekt als reines Triebsubjekt, das zum einsamen
Genießen drängt, affirmiert, jegliche Hemmung des Genießens auflöst und
somit zum Genießen als der neuen und einzig möglichen Form eines sozi-
alen Gebotes ermuntert.
Das Blendwerk einer Freiheit des Genießens zerbricht jeden symbolhaften
Sinn der Grenze. Selbstaufopferung erscheint in einem Regime, das auf den
maßlosen Imperativ vom „Konsum des Konsums“ gründet, völlig wider-
sprüchlich. Der Verzicht auf unvermitteltes Genießen – gemäß der klassi-
schen weberianischen These, die von Freud in „Das Unbehagen in der Kul-
tur“ wieder aufgenommen wurde – verwandelt sich auf höhnische Art und
Weise in eine allgemeine Proletarisierung und eine diffuse Prekarisierung.
Mangelndes Genießen führt zu einer unbegrenzten Gier, anstatt dass es
die ethische Bedingung von Profit bildet. Dies bedeutet, wie Lacan in sei-
ner „Mathematisierung“ des Diskurses des Kapitalisten vorschlägt, das
gebarrte Subjekt2 in die Position des „Agens“ zu setzen, d. h. in jene Posi-
tion, welche die spezifische Orientierung oder die zugrunde liegende Rich-
tung eines Diskurses definiert. Anders als im Diskurs des Herrn, in wel-
chem durch die Wirkung des Signifikanten ein Mangel erzeugt wird, der
dem Subjekt einen Verlust an Genießen aufzwingt und es dafür symbolisch
in den Diskurs der Kultur einschreibt, drängt im Diskurs des Kapitalisten
der Mangel zwanghaft zu jenem Konsum, mit dem die tödliche Macht des
Signifikanten verdrängt werden soll. Das unbegrenzte Angebot an Objek-
ten des Genießens, das der Markt anbietet, ermöglicht eine scheinbare Er-
weiterung der Freiheit des Genießens. Aus diesem Grund setzt Lacan bei
der Formulierung dieses Diskurses das gebarrte Subjekt in die Position des
Agens: Es ist nicht mehr das Ideal, das die sozialen Bindungen zusammen-
führt und orientiert. Es ist nicht mehr die Interdiktion durch das Gesetz, die
das Recht auf Bürgerschaft aufrechterhält. Im Zentrum – also in einer do-
minanten Position – steht die dauerhafte Hektik des gebarrten Subjektes,
das unstillbar nach Objekten giert, die die Spaltung überwinden können.
Aber die eigentliche List des Diskurses des Kapitalisten besteht darin, dass
er Objekte produziert und auf den Markt bringt, die die Nachfrage nicht
Im Zentrum steht die dauerhafte Hektik des Subjektes,
das unstillbar nach Objekten giert.
2 In der lacanschen Perspektive
ist das Subjekt durch eine Spaltung
oder eine Teilung geprägt: Es geht
um ein sujet divisé (ein gespaltenes
Subjekt), das mit einem durchge-
strichenen großen S, also mit $,
symbolisiert wird. Die Barre, welche
das S durchkreuzt, steht für die in-
nere Differenz des Subjekts, die sich
im Wesentlichen der Dimension der
Sprache und des Verbots (d. h. dem
Symbolischen) verdankt. Dadurch ist
das Subjekt sich selbst immer auch
fremd und nie völlig selbst-präsent
bzw. sich selbst in seinen Wünschen
und Ängsten nie ganz durchschau-
bar. Es ist ein Subjekt, das nicht Herr
im eigenen Haus und durch einen
Mangel geprägt ist.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven