Seite - 218 - in Limina - Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
Bild der Seite - 218 -
Text der Seite - 218 -
219 | www.limina-graz.eu
Massimo Recalcati | Die Zerstörung des sozialen Bandes und die Hyperaktivität im Diskurs des Kapitalisten
Hyperaktivität, Infernalität, Unerträglichkeit und Geschwindigkeit defi-
nieren für Lacan die manische Grundlage dieses Diskurses. Nicht zufällig
beschrieb er im Interview Télévision (1974) das Manische als „Ablehnung
des Unbewussten“.
Der vom Diskurs des Kapitalisten bestimmte Mensch ist als ein manisches
Subjekt ein Mensch ohne Anerkennung des Unbewussten. Seine perma-
nente Erregung, sein Eilen ohne Pausen, Diskontinuitäten, Abwesenhei-
ten, in ständiger Beschleunigung, ständig überhitzt: Das alles definiert ein
tragisches Gemisch aus fortdauernder Volatilität der Gadget-Objekte und
jener todbringenden Tendenz, welche die psychopathologische Chiffre
der Manie offenbart. Das Todesgespenst umspannt die manische Euphorie
und ihren scheinbaren Überschwang. Der Höllenritt des kapitalistischen
Diskurses – seine grundsätzliche Hyperaktivität – enthält im Kern einen
verrückten Nihilismus, der zur Zerstörung jedes möglichen Gemeinwe-
sens fĂĽhrt. Jede Form von Bindung wird abgelehnt, weil die Kastration als
symbolisches Prinzip abgelehnt wird, das jede soziale Bindung begrĂĽndet.
Aus diesem Grund unterhält der Diskurs des Kapitalisten eine Bindung, die
jeder Bindung widerspricht. Diese „Bindung“, die Bindungen zerstört, hat
zwei Eckpfeiler. „Was den Diskurs des Kapitalismus heraushebt, ist die-
ses – die Verwerfung außerhalb aller Felder des Symbolischen [...]. Verwer-
fung von was? Der Kastration“ (Lacan 2013, 89).
In diesem Fall bedeutet „Verwerfung der Kastration“, dass die Maschine
des Diskurses des Kapitalisten nicht auf dem symbolischen Verfahren der
Verdrängung gründet, also auf der Aktivität des großen Anderen, sondern
auf dessen Ablehnung. Der Mangel und das Begehren, welche Auswirkun-
gen der Verdrängung sind, die von der Sprache eingeführt wird, werden
unterdrückt. Ohne irgendein Gesetz läuft das Genießen über; es koppelt
sich nicht an ein Begehren, sondern drängt in nihilistischer Weise auf die
Vergeudung des Lebens. Der Diskurs des Kapitalisten ist pure Inkarnation
des Todestriebes. Insofern erscheint er als ein Diskurs an der Grenze des
Diskurses: Wenn die Kastration fĂĽr die Psychoanalyse die Art und Weise
ist, die symbolische Funktion des Gesetzes auszusagen (welches als solches
die Aufgabe hat, das Begehren zu humanisieren), besteht der inhumane
Charakter des Diskurses des Kapitalisten nicht nur, wie Marx noch dach-
te, in der Reduktion der menschlichen auf tierische Fähigkeiten – in der
Hyperaktivität, Infernalität, Unerträglichkeit und Geschwindigkeit
definieren fĂĽr Lacan die manische Grundlage dieses Diskurses.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven