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Massimo Recalcati | Die Zerstörung des sozialen Bandes und die Hyperaktivität im Diskurs des Kapitalisten
Diskurs des Kapitalisten eine falsche Demokratie der globalen Zirkulation
von Konsumgütern und das Recht aller auf deren unmittelbaren und un-
begrenzten Konsum verspricht, indem er die Dimension des Unmöglichen
auslöscht. In der Perspektive einer diskursiven Topik bedeutet dies, die Bar-
riere aufzuheben, die den Ort der Wahrheit und jenen des Mangels trennt,
welche zugleich das gebarrte Subjekt vom Objekt trennt, was das Begehren
verursacht. Ausgehend von dieser Aufhebung der Schranke kann der Dis-
kurs des Kapitalisten als ein Kreislauf des kontinuierlichen Recyc lings ver-
standen werden, in dem „alles verbraucht wird“, und zwar in einer drän-
genden Expansion und in der Illusion, dass in diesem unendlichen Konsum
das „Fehlen an Dasein“, welches dem Subjekt innewohnt, endlich gelöst
werden kann. Dennoch muss der Diskurs des Kapitalisten, um wirklich zu
funktionieren, nicht nur die Behebung der Mangelerfahrung versprechen,
sondern dieses Versprechen auch enttäuschen, indem er immer wieder
neue Pseudo-Mängel schafft, die den Kreislauf des Konsums unendlich zu
nähren vermögen. Und an dieser Stelle wird die Umkehrung des Diskurses
des Herrn am deutlichsten: Das verrückte Angebot des zu konsumierenden
Objektes tritt an die Stelle des disziplinierenden Verbots des Herrn, welches
den Zugang zur Lust einschränkt und für unmöglich erklärt.
Nach der Analyse von Lacan erzeugt der Diskurs des Kapitalisten Unzufrie-
denheit. Unsere Zeit ist nicht mehr eine, in der die Massen vom Ideal ver-
sammelt werden. Sie ist nicht mehr die Zeit der fanatischen Enthusiasmen,
welche aus einem Gefühl der Zugehörigkeit zu einem einzigen, großen So-
zialraum entstehen konnten. Unsere Zeit lebt vielmehr den Gegensatz, den
der Diskurs des Kapitalisten zwischen erregendem und manischem Effekt
erzeugt hat. Dieser Kontrast entsteht aus der Unterdrückung der Grenzen
des Genießens und der Tendenz, in ein depressives Gefühl von Fremdheit,
von Nicht-Existieren, von Überfluss, von Gleichgültigkeit und Mühe hin-
einzustürzen. Das Wegfallen der leitenden Vaterfunktion verstärkt die Ge-
fahr eines gleichzeitigen Wegfallens des Subjektes. In diesem Sinn führt die
durch den Diskurs des Kapitalisten hervorgerufene Unzufriedenheit eine
der heikelsten Ausdrucksformen hypermoderner Unsicherheit fort: Die
Unsicherheit kann nicht mehr von der hysterischen Unzufriedenheit zum
Ausdruck gebracht werden, welche in keinem Objekt der Welt das (phalli-
sche) Objekt zu finden vermag, das den eigenen Mangel füllen könnte. Viel-
Unsere Zeit ist nicht mehr eine, in der
die Massen vom Ideal versammelt werden.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven